![]() Name der Publikation PROPOSITUM Band 6 - Nr. 1 - Juli |
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Ein Kernsatz aus der Botschaft der GV an alle Menschen guten Willens" hat es mir besonders angetan: Wie bei Franziskus muss unsere Pilgerfahrt bis in die Herzen der Mitmenschen führen!
Spontan kam mir der Gedanke: Ja, das ist es, darauf kommt es an!
Dieser Satz bringt unser Sein und unseren Auftrag auf den Punkt."
Bevor wir jedoch zu einer Pilgerfahrt in die Herzen der anderen aufbrechen können, müssen wir selbst innehalten, und uns darum bemühen, wie wir immer besser, mit geläutertem Herzen und reinem Sinn Gott dem Herrn dienen, ihn lieben, ehren und anbeten können" (Reg TOR 2,7) auf dass wir mit ungeteiltem Herzen in die alles umfassende Liebe hineinwachsen und uns beständig zu Gott und dem Nächsten bekehren" (Reg TOR 2,8)
Neigen wir das Ohr unseres Herzens" wie Franziskus uns in seinem Brief an den gesamten Orden einlädt (BrOrd 6). Er hat uns dazu viel zu sagen.
Hätten wir Schwestern und Brüder aller franziskanischen Zweige während der verflossenen Jahrhunderte aufmerksam auf ihn gehört, wären bei der Evangelisierung viele Fehler vermieden worden.
Franziskus war Missionar. Er hatte ein für damalige Zeiten ganz neues Modell von Mission entwickelt, das bis heute seine Überzeugungskraft nicht verloren hat:
Missionar, Missionarin sein nach dem Bilde Jesu!
Jede franziskanische Frau und jeder franziskanische Mann ist dazu aufgerufen:
Da, wo Gott Dich hinsäte, sollst Du blühen und Leben schenken. Hier liegt Deine Sendung.
Sr. Marianne Jungbluth
Franziskanerin von der Hl. Familie
Würzburg, Mai 2002
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An einem Apostelfest 1208 hört Franziskus in Portiunkula das Evangelium von der Aussendung der Apostel: Mt 10,5-14 oder Lk 9. Er ist davon so betroffen, daß er ruft: "Das ist's, was ich will, das ist's, was ich suche, das verlange ich aus innerstem Herzen zu tun" (1 Cel 22; 3 Gef 25). Dieses Schlüsselerlebnis prägt sein ganzes Leben, so daß selbst sein Hang zum Einsiedlerleben zurücktreten muß vor dem Antrieb zu gehen und zu verkünden.
Kaum haben sich Franziskus drei Gefährten angeschlossen, bilden sie schon zwei Gruppen: Bernhard und Ägidius machen sich gen Santiago di Compostela auf den Weg, Franz und sein Begleiter gehen ins Rietital. Man trifft sich wieder in Assisi. Als sie acht geworden sind, teilt Franziskus sie in einer symbolischen Geste in vier Gruppen und schickt sie in alle vier Himmelsrichtungen. Als sich weitere vier angeschlossen haben, ziehen die Zwölf 1209/10 nach Rom, um das inzwischen "mit wenigen Worten und in Einfalt" (Test 15) niedergeschriebene Lebensprogramm vom Papst bestätigen zu lassen. Nach einigen Schwierigkeiten bejaht Innozenz III. ihre Lebensweise und erlaubt ihnen mündlich, allen Buße zu predigen (1 Cel 33; 3 Gef 49). "Darauf zog Franziskus ... in den Städten und Flecken umher und verkündete ... das Reich Gottes, predigte den Frieden, lehrte Heil und Buße zur Vergebung der Sünden" (1 Cel 36).
1212 will Franziskus nach Syrien fahren, um den Sarazenen (= Muslime, Moslems) zu predigen. Sein Schiff wird aber vom Sturm an die Küste Dalmatiens verschlagen. Als blinder Passagier kommt er auf einem Schiff weiter nach Ancona, von dort zu Fuß nach Assisi. Bald danach macht er sich mit Br. Bernhard auf den Weg nach Marokko, über Frankreich und Spanien. Doch in Spanien bekommt er einen Malaria-Anfall und muß umkehren. So scheitert auch die zweite Missionsreise.
Aber Franz gibt die Idee der Islam-Mission nicht auf. Auf dem Pfingstkapitel von 1219 bringt er sie vor rund 3000 Brüdern zur Sprache. Nachdem schon 1217 Brüder nach Frankreich, Deutschland, Ungarn und Spanien geschickt worden sind, beschließt man jetzt, Brüder nach Tunesien und Marokko zu senden. Um mit gutem Beispiel voranzugehen, meldet sich Franziskus selbst für Ägypten (Jord 10). Mit einigen Brüdern benutzt er eines der vielen Schiffe, die den Kreuzfahrern .in Damiette Verstärkung bringen sollen. So gelangt er im Juli/ August 1219 nach Ägypten. Die Ausschweifung im Lager der Kreuzfahrer, ihre Streit- und Habsucht, überzeugen ihn, daß es hier um keinen "gerechten Krieg" geht. Er versucht, die Soldaten und Kardinal Pelagius Galvan, den Führer des Kreuzzugs, zum Waffenstillstand zu bewegen und auf ein Friedensangebot des Sultans Malek al-Kamil einzugehen. Doch die Machtpolitik der Christen läßt kein Einlenken zu. Man setzt auf den vollen Sieg. Am 29. August überfällt das muslimische Heer die Kreuzfahrer: 6000 werden getötet. Erst nach dieser Niederlage gestattet der Kardinal dem Warner aus Assisi, den Sultan aufzusuchen.
Mit Bruder Illuminatus durchquert Franz das Niemandsland zwischen den Heerlagern und gelangt so zum Sultan (Bon IX,8). Jakob von Vitry, Bischof von Akkon, beschreibt das als zuverlässiger Zeuge:
"Der Sultan hörte während mehrerer Tage Franziskus, der ihm und seinen Leuten den Glauben an Christus predigte, sehr aufmerksam zu. Aber schließlich fürchtete er, es könnten sich einige vom Heer durch die Macht seiner Worte zum Herrn bekehren und zum Heer der Christen überlaufen. Deshalb gebot er, ihn mit allen Ehren und in sicherem Geleit zum Christenlager zurückzuführen. Beim Abschied sagte er zu ihm: 'Bete für mich, daß Gott mir gnädig jenes Gesetz und jenen Glauben offenbare, die ihm gefallen'."
R. Manselli kommentiert dieses Zeugnis so:
"Aus den Worten des französischen Bischofs ergibt sich mit unmißverständlicher
Klarheit, daß er keinerlei bewaffneten Geleitschutz wollte oder
hatte. Während die militärischen Operationen in vollem Gange
waren, war er nur vom Glaubenseifer und missionarischen Geist bewegt.
Auch die Muselmanen waren Brüder, denen der wahre Weg des Heils das
nur Jesus Christus geben kann, gezeigt werden mußte" (228).
Franziskus hat offensichtlich Eindruck gemacht. Sein eigentliches Ziel aber hat er nicht erreicht: weder das ersehnte Martyrium noch die Bekehrung des Sultans, weder den Frieden zwischen Christen und Muslimen noch ein Echo auf seine Idee von einem Kreuzzug ohne Waffen. Die Art und Weise aber, wie Franziskus dem Sultan gegenübertrat, ist der Beginn einer neuen Entwicklung, ein prophetisches Zeichen für ein neues Verhalten.
Immer wieder ist im Zusammenhang mit der Mission vom Geist die Rede, von innerer Glut und von Prophetie. Franziskus verkündete "in Lehre und Kraft des Geistes das Reich Gottes" (1 Cel 36). "Voll flammender Sehnsucht nach dem Martyrium wollte er nach Syrien hinüberfahren" (1 Cel 55). "So trieb ihn sein Eifer, daß er seinen Reisegefährten vorauslief und, als sei er trunkenen Geistes, dahineilte, um sein Vorhaben auszuführen " (Bon IX,6). Wichtiger als körperliche Rüstigkeit, charakterliche Eignung oder gar Sprachkenntnisse ist den mittelalterlichen Autoren offenbar eine pneumatische Geistbegabung, die zu Mission und Martyrium treibt. In den Schriften des heiligen Franz findet dies seine Bestätigung, wenn er das Gehen unter die Sarazenen auf eine Eingebung des Heiligen Geistes zurückführt.
In Kapitel 16 der nichtbullierten Regel haben wir das ursprüngliche Missionskonzept des hl. Franz vor uns. Es entstand entweder vor der Ägyptenreise im Zusammenhang mit dem IV. Laterankonzil (1215), das Innozenz III. einberief, um neue Kräfte "zur Eroberung des Hl. Landes und zur Reform der gesamten Kirche" zu sammeln (Brief vom 19.4.1213), oder es entstand erst nach 1219, sozusagen als Frucht der Begegnung mit der islamischen Welt. In jedem Fall enthält NbReg 16 ein Kontrastprogramm zur damals herrschenden Theorie und Praxis des Kreuzzugs. Dieses Missionsstatut setzt in der NbReg das Thema fort, wie die Brüder durch die Welt ziehen sollen (NbReg 14,1). Es knüpft an das Stichwort "gehen" an, das im 14. und 15. Kapitel vorkommt. So stellt das Gehen unter die Sarazenen keine besondere Ausnahme dar, sondern ist eingebettet in das franziskanische Leben nach dem Evangelium. Da Kapitel 16 der NbReg die wesentlichen Richtlinien für die franziskanische Missionsauffassung enthält, soll es hier Abschnitt für Abschnitt zitiert und kurz kommentiert werden.
NbReg 16,1-2: Der Herr sagt: "Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe." Seid daher "klug wie Schlangen und einfältig wie Tauben" (Mt 10,16). '
Wie in Portiunkula, so ist auch hier die Sendung durch Jesus der Ausgangspunkt. Was der Herr sagt, ist maßgebend. Darum wird jede weitere Anweisung in Kap. 16 auf den Herrn zurückgeführt. Für Franziskus ist Gottes Wort bleibend aktuell: Der Herr sprach nicht nur einst zu seinen Jüngern, sondern er spricht auch hier und heute. Er sendet und beauftragt. Durch den Vergleich wird schon zu Beginn des Kapitels die Gefährlichkeit der Mission angesprochen. Jedem selbstherrlichen Auftreten ist gewehrt. Klug und bescheiden sollen die Boten des Evangeliums sein.
16,3-4 Daher soll jeder Bruder, der auf göttliche Eingebung hin unter die Sarazenen und andere Ungläubige gehen will, mit der Erlaubnis seines Ministers und Dieners gehen. Und der Minister soll ihnen ohne Widerspruch die Erlaubnis geben, wenn er sieht, daß sie tauglich sind, geschickt zu werden; denn er wird dem Herrn Rechenschaft ablegen müssen; wenn er hierin oder in anderen Dingen unüberlegt vorgegangen ist.
Franz und seine Gefährten handeln nicht eigenmächtig, sondern "auf göttliche Eingebung hin". An diesem Ausdruck "divina inspiratione", der in manchen modernen Textausgaben fehlt, muß man festhalten, denn es handelt sich um einen Lieblingsgedanken des Heiligen. Er spricht ihn auch aus, wenn es darum geht, daß "jemand auf Gottes Eingebung hin dieses Leben annehmen will und zu unseren Brüdern kommt" (NbReg 2,1). Ebenso haben die Klarissen "auf göttliche Eingebung hin" ihre kontemplative Lebensform gewählt (LebKlara 1). Sowohl das franziskanische Leben der Brüder und Schwestern als solches wie auch das Leben unter Ungläubigen sind göttlich inspiriert, d.h. eine eigentliche Berufung. Darum kann der Minister (Obere) weder jemanden im Gehorsam in die Mission schicken noch ihn zurückhalten, wenn er geeignet ist und gehen will. Die Inspiration Gottes zwingt den Menschen nicht. Er ist frei zuzustimmen. Berufung und eigenes Wollen müssen zusammenkommen und schließlich vom Minister bestätigt werden.
In einer Zeit, in der Kreuzfahrer gegen die Sarazenen zogen, schickt Franziskus seine Brüder nicht nur zu ihnen, sondern unter sie, wie Schafe mitten unter die Wölfe. Entsprechend der damaligen Auffassung rechnet Franz die Muslime zu den Ungläubigen, denen er den rechten Glauben bringen will. In seinem Verhalten unterscheidet er sich aber von der offiziellen Missionsstrategie. Er geht nicht polemisch gegen die Muslime vor, sondern mischt sich unter sie, bereit, den Martertod zu sterben.
16,5-7: Die Brüder aber, die hinausziehen, können in zweifacher Weise unter ihnen geistlich wandeln. Eine Art besteht darin, daß sie weder zanken noch streiten, sondern "um Gottes willen jeder menschlichen Kreatur" (1 Petr 2,13) untertan sind und bekennen, daß sie Christen sind. Die andere Art ist die, daß sie, wenn sie sehen, daß es dem Herrn gefällt, das Wort Gottes verkünden: sie sollen glauben an den allmächtigen Gott, den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, den Schöpfer aller Dinge, an den Sohn, den Erlöser und Retter, und sie sollen sich taufen lassen und Christen werden; denn "wenn jemand nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser und dem Heiligen Geist, kann er nicht in das Reich Gottes eingehen" (Joh 3,5).
Für das Verhalten der Missionare beschreibt Franziskus zwei Möglichkeiten, deren Reihenfolge zu beachten ist.
An erster Stelle steht nicht die Verkündigung oder ein soziales Programm, sondern ein Verhalten. Die Minderbrüder sollen untereinander die Brüderlichkeit vorleben und auch mit Außenstehenden keinen Streit vom Zaun brechen; vielmehr sollen sie immer als die Niedrigeren, Kleineren auftreten, wie es ihrem Namen entspricht. Dem gelebten Zeugnis brüderlicher Eintracht, versöhnlicher Haltung und bedingungsloser Unterordnung folgt das Bekenntnis, Christ zu sein. Brüderlichkeit nach innen und außen, verbunden mit einer Dialogbereitschaft, die den eigenen Glauben ins Gespräch bringt, aber nicht aufdrängt, das ist das Grundprinzip franziskanischer Mission.
Erst an zweiter Stelle steht die Verkündigung. Sie setzt noch einmal eine besondere Aufmerksamkeit voraus. Der Verkünder ist nicht Herr des Wortes, sondern gerade auch unter Nichtchristen zuerst selbst Hörer. Er muß sich in die Situation einfühlen können und Gottes Willen erspüren. Erst wenn er sieht, daß es dem Herrn gefällt, soll er das Wort Gottes verkünden. Dabei ist nun nicht gleich an die dogmatische Lehrpredigt zu denken, die ohnehin den Priestern vorbehalten war; gemeint ist vielmehr die ursprüngliche franziskanische Lob- und Mahnrede (laus et exhortatio), eine Aufforderung, Gott zu loben und Buße zu tun. In Kapitel 21 der NbReg haben wir ein Modell für eine solche Predigt, die "alle Brüder (also auch Nichtpriester) bei allen Leuten halten können" (NbReg 21,1). Unter Christen erinnern sie an die empfangene Taufe und fordern zur Treue bis zum Tod auf. Unter Nichtchristen tritt an die Stelle des Bußrufs der Aufruf zum Glauben an den dreifaltigen Gott und zur Taufe. Die Verkündigung soll zur Handlung führen, das Wort zum Sakrament.
So setzt das Missionsstatut den Brüdern, die hinausziehen, ein klares Ziel: die Christianisierung der Welt. Doch ist dies eher ein Fern- als ein Nahziel. Denn sie sollen nicht sobald wie möglich viele Leute taufen, sondern mit der Taufe abwarten, bis der Glaube an den dreifaltigen Gott in den Hörern geweckt ist. Genau wie im Evangelium wird hier sowohl das Zueinander wie die Reihenfolge von Glaube und Taufe gewahrt: "Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet werden" (Mk 16,16).
16,8-9: Dieses und anderes, was dem Herrn wohlgefällig ist, können sie ihnen und anderen sagen, denn der Herr sagt im Evangelium: "Jeder, der mich vor den Menschen bekennt, den werde auch ich vor meinem Vater bekennen, der im Himmel ist" (Mt 10,32). Und: "Wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er in seiner und des Vaters und der Engel Herrlichkeit kommen wird" (Lk 9,26).
Was die Sätze zuvor über die Verkündigung sagten, ist nur eine Art Grundraster. Die Missionare sind frei, auch anderes zu sagen. Weder der Inhalt der Predigt ist festgelegt noch der Adressatenkreis. Der Missionar soll offen bleiben für neue Situationen. Wichtig ist, daß er bekennt. Das wird mit dem Jesus-Wort aus Mt 10,32 eingeschärft. Ein zweites aus Lk 9,26 verstärkt noch die Aussage des ersten, indem es das gleiche negativ gewendet zum Ausdruck bringt: bekennen - sich schämen. Was die Missionare verkünden und tun, muß vom Bekenntnis zu Christus getragen sein. Er ist der Grund, auf dem alles ruht.
Dies belegt auch der ganze folgende Abschnitt.
16,10-21: Und alle Brüder, wo auch immer sie sind, sollen bedenken, daß sie sich dem Herrn Jesus Christus übergeben und ihm ihre Leiber überlassen haben. Und um seiner Liebe willen müssen sie sich den sichtbaren wie den unsichtbaren Feinden aussetzen; denn der Herr sagt: "Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten zum ewigen Leben" (vgl. Lk 9,24). "Selig, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himelreich" (Mt 5,10). "Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen" (Joh 15,20). Wenn sie "euch in einer Stadt verfolgen, flieht in eine andere" (Mt 10,23). "Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch schmähen und verfolgen und euch ausstoßen und verhöhnen und euren Namen als bös verwerfen und wenn sie euch alles Schlechte fälschlich nachsagen um meinetwillen. Freut euch an jenem Tage und frohlockt, denn reich ist euer Lohn im Himmel" (Mt 5,11; Lk 6,22-23). Und ich sage "euch, meinen Freunden: I.aßt euch von diesen nicht erschrecken und fürchtet jene nicht, die den Leib töten und darüber hinaus nichts haben, was sie tun könnten" (Lk 12,4; Mt 10,28). "Seht zu, daß ihr nicht in Verwirrung geratet" (Mt 24,6). Denn in eurer Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen (vgl. Lk 21,19). Und "wer ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden" (Mt 10,22; 24,13).
Das letzte Drittel des 16. Kapitels wendet sich betont an alle Brüder. Hier sieht man noch einmal, wie das Gehen unter die Andersgläubigen eingebunden ist in das allen gemeinsame franziskanische Leben. Es ist gekennzeichnet durch die totale Übergabe an Christus. Wie er sich aus Liebe dem Verräter Judas ausliefern und gefangennehmen ließ, so müssen sich die Minderen Brüder und Schwestern den sichtbaren und unsichtbaren Feinden aussetzen. Nachfolge Christi ist eine Nachfolge in die Tiefe, in die Demut. Verfolgung, Leiden, Flucht, Haß, Schmähung und Verleumdung sind Stichworte für den Lebensweg Jesu, Kennzeichen für den Prozeß, den man ihm machte. Alle diese Worte finden sich auch in unserem Missionsstatut. Es gibt nicht nur die Leidensankündigungen Jesu in der Bergpredigt wieder, sondern spiegelt offenbar auch schon die Leiderfahrungen der ersten Missionare in Deutschland, Ungarn und Marokko.
Das Motto, mit dem das Missionsstatut beginnt, findet in den Sätzen 10-21 ein vielfaches Echo. Wehrlos wie Schafe sollen sich die Brüder und Schwestern "um der Liebe Jesu willen" den Feinden ausliefern. Das Martyrium wird hier klar ins Auge gefaßt (vgl. auch NbReg 22,1-4; Erm 6; 15; 2 Cel 152). Mission kann Leib und Leben kosten. Wer sich exponiert, aussetzt wie Jesus, muß mit demselben Schicksal rechnen wie er. Es geht nicht nur um ein Bekennen mit Worten, sondern um ein Bekennen im Tun, Leben und Erleiden. Aus den Konflikten kann man sich nicht heraushalten (vgl. BrMin 2-7); sie rücken einem auf den Leib. Über ihn aber hat man kein Verfügungsrecht mehr, wenn man sich so dem Herrn Jesus Christus übergeben hat wie im Mittelalter ein Lehnsmann dem Lehnsherrn.
Trotz der Gefährlichkeit des missionarischen Einsatzes ist Freude und Gelassenheit geboten. Sie sollen davon künden, daß der Missionar nicht aus vordergründiger Hoffnung lebt. Geduld in der Verfolgung ist Zeichen dafür, daß er an den glaubt, der durch Leiden und Tod zur Herrlichkeit gelangt ist. So bedeutet schon das Leben der Selbstentäußerung und der Bereitschaft zum Martyrium ein christliches Zeugnis, wichtiger, aber auch schwieriger als Worte.
Furcht und Schrecken, Verwirrung und Todesangst können den befallen, der sich in die Spur Christi begibt und deswegen verfolgt wird. Franziskus macht Mut, furchtlos die Selbsthingabe zu wagen und in Geduld auszuharren. Er ist davon überzeugt, daß Gott jeden reichlich belohnt. So kann er das Missionsstatut mit einer frohmachenden Verheißung Jesu schließen.
Im Orient hat Franziskus die "salât" erlebt, eine islamische Gebetsform: Wenn der Muezzin ins Horn bläst und zum Gebet aufruft, versammeln sich die Gläubigen und sprechen tief zur Erde geneigt ihr Gebet. Franziskus ist von diesem Brauch so angetan, daß er im Abendland ein ähnliches Zeichen wünscht. In dreien seiner Briefe spricht er ausdrücklich davon. So verlangt er von den Verantwortlichen im Orden:
"Über das Lob Gottes sollt ihr allen Leuten so verkünden und predigen, daß zu jeder Stunde und wenn die Glocken läuten, dem allmächtigen Gott vom gesamten Volk auf der ganzen Erde immer Lobpreis und Dank dargebracht wird" (BrKust I 8).
Das Gotteslob soll Christen und Muslime verbinden. Darum spricht Franziskus betont vom "gesamten Volk auf der ganzen Erde". Weil dieser eigenartige Wunsch aber nur mit Hilfe des "weltlichen Arms" verwirklicht werden könnte , wiederholt er ihn in seinem mutigen Schreiben an "alle Bürgermeister und Konsuln, Richter und Statthalter auf der ganzen Welt":
"Bereitet doch dem Herrn unter dem euch anvertrauten Volk so große Ehre, daß an jedem Abend durch einen Herold oder sonst ein Zeichen angesagt werde, das ganze Volk bringe Gott, dem allmächtigen Herrn, Lobpreis und Dank dar" (BrLenk 1.7; vgl. BrKust II 6).
Mit einem solchen Zeichen fände der gemeinsame Glaube an den Allmächtigen Gott einen gemeinsamen Ausdruck. Diese originelle Idee des Franziskus wartet bis heute auf ihre Verwirklichung.
Das Verhalten des Franziskus unter den Muslimen, sein Missionsstatut und seine Briefe an die Politiker, an "alle Christen, Kleriker und Laien, Männer und Frauen, alle, die in der ganzen Welt Wohnen" (BrGI II 1) sind ein klares Zeugnis für seine universale Missionsidee. Sie schlug sich auch in dem langen Dank- und Mahnlied nieder, das alle Stände in Kirche und Welt aufzählt und sich dann richtet
"an alle Kleinen und Großen, alle Völker, Geschlechter, Stämme und Sprachen, alle Nationen und alle Menschen überall auf Erden, alle, die sind und sein werden" (NbReg 23,7).
Sie alle sollen im wahren Glauben und in der Buße ausharren und Gott loben, verherrlichen, ihn preisen und ihm Dank erweisen.
Der hier festzustellende Universalismus findet sich auch in anderen Gebeten, z.B. in ErklVat 5; PreisHor 6-11 und im Sonnengesang. Besonders stark kommt er zum Ausdruck in dem Kreuzgebet, das bis heute zum besten Traditionsgut der franziskanischen Familie zählt:
"Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, (hier) und im Blick auf alle deine Kirchen, die in der ganzen Welt sind, und wir preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst" (Test 5; 1 Cel 45).
Sogar im Gruß an Maria denkt Franziskus daran, daß die Tugenden, die Maria geschenkt waren, durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes allen Menschen zuteil werden können, "um sie aus Ungläubigen zu Gott getreuen Menschen zu machen" (GrMar 6).
So wichtig die Sendungsreden Jesu sind, Franziskus begründet seine Mission und die seiner Nachfolger nicht nur von daher, sondern gelangt nach und nach zu einem noch tieferen Verständnis. Er findet den Ursprung aller Mission in Gott Vater selbst: Dieser sendet seinen Sohn aus Liebe zu den Menschen. Der Sohn erfüllt seine Mission, indem er "das wahre Fleisch unserer Menschlichkeit und Gebrechlichkeit annimmt", das Leben der Armen teilt und Leiden und Sterben bewußt bejaht und für uns fruchtbar macht (BrGI II 4-14). Er wirkt in seiner Kirche weiter, in der er durch den Heiligen Geist gegenwärtig bleibt. So ist für Franziskus Mission im Geheimnis der Dreifaltigkeit verankert. In der Tiefe der Liebe Gottes hat Mission ihre Wurzeln.
Zu mystischen Verständnis von Mission kommt Franziskus durch die Betrachtung der Abschiedsreden Jesu. Wie seine Schriften zeigen, hat er sich Joh 17 ganz zu eigen gemacht: NbReg 22,17-55; BrGI I 1,14-19 = BrGl II 54-60. Im Anschluß an Joh 17,6 sagt er, daß Jesus vor allem t ist, den Menschen den Namen des Vaters zu offenbaren. Gott will den Menschen bekannt sein, ihnen sein Selbst enthüllen. Diese Offenbarung ist da Sohn anvertraut (NbReg 22,41-42.54).
Die Sendung des Sohnes besteht aber nicht nur in Worten. Er offenbart vor allem durch Taten, wer Gott ist. Diesen zweiten Aspekt der Mission des Sohnes hat Franz in NbReg 23,1-4 beschrieben: Gott hat eine gute Welt geschaffen mit dem Menschen an ihrer Spitze. Doch hat der Mensch die Harmonie durch eigene Schuld zerstört. Sie wird wiederhergestellt durch die Menschwerdung des Sohnes und seinen Erlösertod. Der für uns gestorbene und auferstandene Sohn Gottes wird wiederkommen, um Gericht zu halten und das endgültige Reich Gottes zu errichten. Schöpfung, Erlösung und Vollendung sind das dreifache Werk, für das Franziskus hier und an anderen Stellen (ErklVat 1; NbReg 16,7) dankt. Er richtet den Dank an den Vater, der das Heilswerk vollbringt durch seinen "einzigen Sohn mit dem Heiligen Geist". Der Vater hat die Initiative, der Sohn führt das Werk aus mit dem Heiligen Geist.
Beweggrund für die Erlösung ist also die Liebe des Vaters zu den Menschen. Er liebt sie ebensosehr wie er seinen Sohn liebt. So heißt es in dem Gebet Jesu für seine Jünger, das Franziskus übernimmt:
"Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien wie auch wir. ... Verherrliche sie in der Wahrheit. Dein Wort ist Wahrheit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, habe auch ich sie in die Welt gesandt. Und für sie weihe ich mich selbst, damit sie in Wahrheit geweiht seien. Nicht für sie allein bitte ich, sondern für jene, die auf ihr Wort hin an mich glauben werden, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, daß du mich gesandt und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast. Und ich will ihnen deinen Namen kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen" (NbReg 22,45. 49-54; vgl. Joh 17,11-26).
Diese johanneisch-franziskanische Schau der Mission ist ein großartiger Kreislauf der Liebe: der innergöttlichen Liebe zwischen Vater und Sohn und der unaussprechlichen Liebe Gottes zum Menschen, einer Liebe, deren Maß die Liebe Gottes zum eigenen Sohn ist.
So vermitteln uns die Schriften des hl. Franziskus ein theologisch gut fundiertes Missionskonzept, das auch wichtige Richtlinien für das Verhalten der Missionare enthält. Dieses Konzept ist in Theorie und Praxis auch heute noch gültig.
Fr. Leonhard Lehmann OFMCap.
Rome
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1. Persönliche Reflexion
Meditieren Sie den Jesaja - Text 61, 1-3, den Jesus nach Lk 4, 16-20 auf sich anwendet. Lassen Sie sich durch den Text ganz persönlich ansprechen.
2. Reflexion in Gruppen
Kapitel 16 der Regula non bullata beschreibt das Konzept franziskanischer Mission.
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