Name der Publikation
PROPOSITUM
Band 6 - Nr. 2 - Dezember

Periode
Dezember

 


Anno
2002

Band
6

 


Nummer
2


FRANCISCANUM VITAE PROPOSITUM

Breve der Approbation unserer erneuerten
TOR-Regel durch
Papst Johannes Paul II.,
am 8. Dezember 1982

 



FRANZISKANISCHE MYSTIK

"Den Herrn lieben"

(Prolog Reg TOR)


 


VORWORT

Im Namen des Herrn!
Am 08. Dezember erinnern wir uns in Dankbarkeit und Freude an ein bedeutendes und einschneidendes Ereignis in unserer jahrhundertealten Geschichte des Regulierten Dritten Orden des heiligen Franziskus.

Vor 20 Jahren - am 08. Dezember 1982 - hat Papst Johannes Paul II unsere erneuerte Regel mit dem Breve Franciscanum vitae propositum -das Franziskanische Lebensideal- approbiert.

Schwester Carola Thomann, Präsidentin der IFK-TOR geht in einem bemerkenswerten Schreiben vom 15. August dieses Jahres begeistert und ausführlich auf dieses Ereignis ein.

Diese Begeisterung teile ich in besonderer Weise, hatte ich doch das unermessliche Glück, Mitglied der internationalen Arbeitsgruppe zu sein, die das Regelprojekt erarbeitet hat. So konnte ich auch bei der Generalversammlung vom 01. - 10. März 1982 meinen Beitrag leisten und erleben, wie die anwesenden Generalobern und Generaloberinnen aus aller Welt in einem guten, wenn auch mühevollen Prozess das Projekt der Regel akzeptiert haben.

Im Text des Breve Franciscanum vitae propositum geht Papst Johannes Paul II auf diesen Prozess ein, der nach der Akzeptanz zur Bestätigung der Regel geführt hat.

"Im Namen des Herrn!" So beginnt der Originaltext, der unsere eigentliche Regel einleitet.

Im Namen des Herrn! Worte des heiligen Franziskus an alle, die ihm folgen, an die die ein Leben in Buße gewählt haben.

Im Namen des Herrn! Worte des heiligen Franziskus an uns, die Brüder und Schwestern von der Buße. Hören wir diese Worte; empfangen wir sie; tragen wir sie und gebären wir sie, denn dann wird der "Geist des Herrn" auf uns ruhen und sich bei uns "Wohnung und Bleibe" schaffen.

Lesen wir aufmerksam und meditativ den Prolog Br Gl I1:
Worte des heiligen Franziskus, sinnerfüllte, folgenschwere Worte an uns, die Brüder und Schwestern von der Buße.

Franziskus lädt uns ein, den Spuren unseres Herrn Jesus Christus nachzufolgen indem wir beginnen Buße zu tun, indem wir uns vom "Geist des Herrn" (geistliches Leben) leiten lassen um so das göttliche Leben zu finden.

 

Sr. Marianne Jungbluth
Franziskanerin von der Hl. Familie
Würzburg, November 2002




FRANZISKANISCHE MYSTIK

"Den Herrn lieben"

(Prolog Reg TOR)

 

1. "Der Herr gab mir"

Das wichtigste Dokument, das Auskunft gibt über den geistigen Weg des heiligen Franziskus, ist sein Testament. Hierin nennt er - kurz vor seinem Sterben - die herausragendsten Ereignisse seines Lebens und fasst Entwicklung und Zielsetzung des Ordens kurz zusammen. Schon im ersten Satz bekennt er, dass die Initiative von Gott ausging: "So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus gegeben, das Leben der Buße zu beginnen". Wie ein Kehrvers zieht sich dieses Bekenntnis besonders durch die erste Hälfte des Testamentes: "Der Herr selbst hat mir geoffenbart" (Test 1.2.4.6.14.23.39).

Franziskus schaut auf sein Leben zurück und erkennt darin die Führung Gottes. In den einfachen Verben "geben", "führen" und ganz stark im Wort "offenbaren" wird deutlich, wie sehr sich Franziskus von Gott beschenkt weiß. Ohne das Wort "Geist" zu gebrauchen, beschreibt Franz seinen Weg mit Worten, die eine Erfahrung des Geistes beinhalten. Was er ausführte, schreibt er nicht sich zu, sondern der Großzügigkeit Gottes, des "Allerhöchsten, der jegliches Gute redet und wirkt" (Erm 8,3).

Wie der Poverello, der kleine Arme, immer wieder ermahnt, nichts als Eigentum zu beanspruchen und sich in nichts anderem zu rühmen als in unseren Schwachheiten (Erm 4;5;8;11;12;14;28), so handelt er auch selbst: sein Testament ist im ersten Teil eigentlich eine Danksagung für das, was der Herr für ihn und durch ihn gewirkt hat, auch im Hinblick auf die Brüder, "die der Herr gegeben hat" (Test 14).

2. "Auf göttliche Eingebung hin"

Franziskus ist überzeugt, dass das Leben als Minderbruder eine Berufung voraussetzt. So heißt es von der Aufnahme der Brüder: „Wenn jemand auf Gottes Eingebung hin dieses Leben annehmen will und zu unseren Brüdern kommt, werde er liebevoll von ihnen aufgenommen" (NbReg 2,1). Das Charisma, die Gabe Gottes, verbindet sich mit dem eigenen Wollen. Beides zusammen ermöglicht den Anfang eines neuen Lebens. Auch beim nächsten Schritt kommt es auf das eigene Wollen und das Wirken des Geistes an, denn der Kandidat soll "wenn er will und vom Geist erfüllt es ungehindert kann, all seine Habe verkaufen und alles unter die Armen zu verteilen suchen... Wenn nun aber jemand kommt, der seine Habe nicht ungehindert weggeben kann und doch das vom Geist erfüllte Wollen hat, so soll er seine Habe verlassen, und das genügt für ihn" (NbReg 2,4.11). Beim Eintritt in die Gemeinschaft kommt es also wesentlich auf die Inspiration an, auf die göttliche Eingebung. Die Bitte um Aufnahme darf nicht von egoistischen Interessen geleitet sein, sondern muss spirituellen Motiven entspringen.

Dasselbe gilt für jene, "die auf göttliche Eingebung hin unter die Sarazenen oder andere Ungläubige gehen wollen" (BReg 12,1). Das Zeugnis als Missionar setzt eine eigene Berufung voraus; Die Minister sollen sie überprüfen, aber ohne Widerspruch die Erlaubnis geben, wenn sie erkennen, dass der Kandidat tauglich ist (NbReg 16, 3-4; BReg 12,2).

Seine eigene Umkehr und seinen Auszug aus der Welt (Test 1-3) fasst Franziskus als Werk Gottes auf. Ähnlich sieht er die Gründung des Klarissenordens. Klara und ihren Schwestern schreibt er schon um 1212/13 in der für sie bestimmten kurzen Lebensform: „Da ihr euch auf göttliche Eingebung hin zu Töchtern und Mägden des erhabensten, höchsten Königs, des himmlischen Vaters, gemacht und euch dem Heiligen Geist verlobt habt, ...will ich... für euch... immer liebevolle Sorge... hegen" (LebKlara1-2).

Franziskus macht hier nicht nur die tiefe theologische Aussage, die Klarissen seien Braut des Heiligen Geistes; er führt ihr Leben überhaupt auf göttliche Inspiration zurück. Es ist ein Charisma, eine Geistesgabe. Dieselbe Überzeugung bekundet er 23 Jahre später, als er den Schwestern ein Mahn- und Trostlied schickt. Es beginnt mit den Worten: „Audite, Poverelle... - Hört ihr kleine Arme, vom Herrn Gerufene" (MahnKlara 1).

Der Glaube des Franziskus an Gottes Führung findet bei Klara ein starkes Echo. Sie spricht in Regel und Brebenfalls von der Eingebung Gottes.

Bei Franziskus selbst und seinen Gefährten, bei den Missionaren sowie bei Klara und ihren Schwestern handelt es sich um „geistliche Berufe". Diese Redeweise ist gerade aus franziskanischer Sicht tief zu begründen und mit Leben zu füllen.

3. "Die Geisterfahrung des Süßen"

Das Einwirken Gottes schaltet das Tun des Menschen nicht aus. Im Gegenteil: So sehr Franziskus im Testament die Führung Gottes betont, so sehr stellt er auch heraus, wie er in Bewegung geraten ist: er verlässt seinen Standort und geht zu den Armen. Die Inspiration Gottes ist wie ein Feuer, das in ihm brennt, eine Kraft, die ihn drängt: hinaus aus der Stadt Assisi, weg vom gesicherten Leben im angesehenen Kaufmannstand. Die Idee, die ihn fesselt, lässt ihn Unglaubliches vollbringen. Es bleibt nicht bei bloßer Begeisterung: Er pflegt Aussätzige. In welchem Maß die Geisterfahrung Leib und Seele erfasst, erkennt man daran, dass Franziskus geradezu eine Umkehrung der Geschmacksempfindung erlebt: "Da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt" (Test 3).

Der Übergang von "bitter" zu "süß" bei der Umarmung des ekelerregenden Aussätzigen weist auf die erfahrungsmäßige Gegenwart des Geistes hin, dessen Früchte sind: Freiheit, Freude, Liebe, Milde (Gal 5,12-23). Solche Geisterfahrung macht Franziskus häufig. Dabei singt er gern auf Französisch, z.B. nach der öffentlichen Enterbung vom Vater, als er singend durch den Wald geht und Räubern erklärt: "Ich bin der Herold des großen Königs" (1 Cel 16). "Süßigkeit" -dolcezza, douceur in der Troubadoursprache - ist bei Franziskus Zeichen für den Durchbruch des neuen, von Gott geschaffenen Lebens, Zeichen für die Wiedergeburt im Heiligen Geist. Im Brief an die Gläubigen erklärt er dies ausführlicher, wobei er ebenfalls das Gegensatzpaar "süß - bitter" verwendet: "Alle jene aber, die nicht in Buße leben..., sind blind, weil sie das wahre Licht, unseren Herrn Jesus Christus nicht sehen. Die geistliche Weisheit besitzen sie nicht, weil sie den Sohn Gottes nicht in sich haben, der die wahre Weisheit des Vaters ist. ...Seht doch, ihr Blinden, die von unseren Feinden getäuscht sind, nämlich vom Fleisch, von der Welt und vom Teufel, dass es dem Leib süß ist, die Sünde zu begehen, und bitter, Gott zu dienen" (BrGl II 63.66-69).

4. "Geist des Fleisches - Geist des Herrn"

Wie im Brief an die Gläubigen, so stellt Franziskus häufig die geistliche Weisheit der fleischlichen, weltlichen Weisheit entgegen (GrTug 9-10; NbReg 17,10; BrLenk 5; Erm 27,1. Vgl. 1 Kor 2,6-16). Fleisch ist für ihn - ähnlich wie bei Paulus "sarx" (Röm 8) - ein Begriff, der die Todverfallenheit des Menschen, seine Hinfälligkeit, das Widergöttliche in ihm, seine Ichsucht und Neigung zum Bösen bezeichnet. Darum kann er sagen: Wir sind "elend und armselig, übel und abscheulich, stinkend, undankbar und böse" ( NbReg 23,8).

Hingegen ist Geist und geistlich - ähnlich wie bei Paulus "pneuma" - das, was von Gott kommt und zu Gott führt. In einem "geistlichen" Menschen herrscht der Geist des Herrn; in ihm ist Gott zur Herrschaft gelangt; jenes fleischliche Streben ist zurückgedrängt, das die Ebenbildlichkeit Gottes (Erm 5,1) verdunkelt. An die Stelle des Ich tritt der Geist des Herrn. Franziskus gibt zahlreiche Beispiele, woran man den geistlichen Menschen erkennen kann: "So kann der Knecht Gottes geprüft werden, ob er am Geist des Herrn Anteil hat: Wenn sein Fleisch (= sein Ich), falls der Herr durch ihn etwas Gutes wirkt, sich deshalb nicht selbst hoch erhebt, weil es immer der Gegner alles Guten ist, sondern wenn er sich um so mehr in seinen Augen sich unbedeutend dünkt und sich für minderer hält als alle anderen Menschen" (Erm 12).

Um den Geist des Herrn zu haben, "dürfen wir nicht nach der Art des Fleisches weise und klug sein, sondern müssen vielmehr einfältig, demütig und rein sein..." (BrGl II 45-46). Am meisten öffnen wir uns dem Geist des Herrn durch den Gehorsam; er gilt in erster Linie den Eingebungen Gottes, dann den Mitmenschen, ja der ganzen Schöpfung: "Der heilige Gehorsam macht alles leibliche und fleischliche Verlangen zuschanden und hält den Leib des Menschen abgetötet, damit er dem Geist gehorche und seinem Bruder gehorche; und er ist untergeben und untertan allen Menschen, die auf der Welt sind, und nicht nur allein den Menschen, sondern auch allen wilden und ungezähmten Tieren, damit sie mit ihm tun können, was nur immer sie wollen, soweit es ihnen von oben herab, vom Herrn, gegeben ist" (GrTug 14-18).Der Mensch soll so von sich absehen lernen, soll so verfügbar und geistig beweglich werden, dass er in allem Gottes Wille erkennen kann. Dieser geschieht auch durch die vernunftlose Kreatur. Sie bewegt sich in den ihr von Gott gesteckten Grenzen. Darum sind selbst Plagen und Schmerzen, die der Mensch von Tieren erfährt in der Kraft des Geistes, im heiligen Gehorsam zu erdulden.

Sehr ausführlich vergleicht Franziskus in NbReg 17,9-16 den Geist es Fleisches mit dem Geist des Herrn. Der Geist des Fleisches äußert sich in Stolz und eitler Ruhmsucht, in der Weisheit dieser Welt, in der "Klugheit des Fleisches" (Röm 8,6), im Bestreben, viele Worte zu machen, aber wenig zu tun, in bloß äußerer Frömmigkeit und in Scheinheiligkeit. Der Geist des Herrn aber äußert sich in Demut, Geduld und im "Frieden des Geistes" (NbReg 17,15 Für Franziskus ist "Fleisch" meistens ein Symbolwort für geistige Haltungen. In Anlehnung an Jesus (Mk

7,21-23) und Paulus (Röm 8,6; 1 Kor 2,6-16) verinnerlicht, spiritualisiert er das Verständnis von Sünde, indem er sie in den Geist des Menschen verlegt, in das unreine Herz, in den sündhaften, eigensüchtigen Willen (vgl. auch NbReg 22,5-8). Folglich warnt er in seinen Ermahnungen hauptsächlich vor "geistigen" Sünden wie Eigensinn, Hängen am Obernamt, Stolz, Prahlerei, Neid, Rache, falsche Beschuldigung, Zorn (Erm 2-11). Hiermit stimmt überein, was Celano über den Ordensvater schreibt: "Zuerst verurteilte er die Fehler des Geistes (vitia spiritualia), dann erst die des Leibes" (1 Cel 51).

5. "Über alles danach verlangen, den Geist des Herrn zu haben und sein heiliges Wirken"

In fast all seinen Schriften warnt Franziskus vor dem "Geist des Fleisches", Da versteht man, warum er umgekehrt fordert, dass die Brüder "über alles danach verlangen, den Geist des Herrn zu haben und sein heiliges Wirken" (BReg 10,8). Gegenüber NbReg 17,9-16 schildert er in BReg 10,7-12 die negativen Haltungen kürzer und die positiven ausführlicher. Auf einen Katalog der Sünden, vor denen sich die Brüder hüten mögen, folgt ein Tugendkatalog: Gebet, Demut, Geduld, Feindesliebe, Beharrlichkeit. Diese Tugenden sind Früchte des Geistes (vgl. Gal 5,22-26). An ihnen wird das heilige Wirken des Geistes des Herrn im Menschen sichtbar.

Wegen ihres Ursprungs aus Gott nennt Franziskus in seinem Tugendlob auch alle Tugenden "heilig": Sie kommen alle vom Herrn her (GrTug 4); sie werden "durch die Gnade und die Erleuchtung des Heiligen Geistes in die Herzen der Gläubigen eingegossen" (GrMar 6);

Ja, sie sind als solche Eigenschaften von Gott selbst: "Du bist die Demut, die Geduld, die Milde, unsere Hoffnung, unser Glaube, unsere Liebe" (LobGott).

Außer in BReg 10,8 ist in den Schriften noch viermal von "heiligen Wirken" die Rede. "Wir bringen Christus zur Welt durch ein heiliges Wirken, das anderen als Vorbild leuchten soll", heißt es im Rundbrief an alle Christen (BrGl I 1,10 = BrGl II 53). Die Empfänger dieses Briefes sollen die darin enthaltenen "wohlduftenden Worte unseres Herrn Jesus Christus mit göttlicher Liebe gutwillig aufnehmen und sie durch heiliges Verwirklich bis ans Ende bewahren, denn sie sind Geist und Leben" (BrGl I 2,19.21; vgl. Joh 6,64).

Hier wird deutlich, wie der heilige Franz alles Gute an Gott zurückgebunden und von ihm inspiriert sieht. Die Worte Jesu Christi und Franziskus eigene Worte sind wohlriechend, voller Duft (vgl. 2 Kor 2,14-16; Eph 5,2), weil sie - von Gott ausgehaucht, eingegeben - Geist und Leben spenden; entsprechend müssen sie mit einer mehr als bloß menschlichen Liebe, mit göttlicher Liebe aufgenommen und unter dem Antrieb des Heiligen Geistes verwirklicht werden. Auch bezüglich seines Testamentes wünscht Franziskus, seine Worte "einfältig und ohne Erklärung zu verstehen und mit heiligem Wirken bis ans Ende zu beobachten" (Test 39). Das Verstehen allein genügt nicht, es muss zum Tun führen. Dieses wiederum ist unauflöslich verbunden mit dem Wirken, mit der Inspiration durch den Geist des Herrn. Unter seiner Führung soll unser Handeln stehen und in seiner Kraft dauern bis ans Ende. Wenn wir heute vom Wirken sprechen, meinen wir Aktivität, Kraft, Leistung, Durchsetzungsvermögen, Wirkmächtigkeit, also vorwiegend männliche Eigenschaften. Auf der Liste des Lukas bringt jedoch Franziskus das Wirken mit Maria in Zusammenhang: es gilt, sich dem Geist zu öffnen und von ihm zu empfangen, was man der Welt vermittelt.

6. "Es ist der Geist des Herrn, der in seinen Gläubigen wohnt"

Für Franziskus ist der Hauptwirkende nicht der Mensch, sondern Gott. Der Herr hat ihn geführt, ihm Brüder gegeben und das Leben nach dem Evangelium offenbart. Die Minderbrüder allgemein, die Missionare im besonderen, Klara und ihre Schwestern, sie alle folgen einer "göttlichen Eingebung". Auch dafür, dass aus Ungläubigen gläubige, aus untreuen treue Christen werden, bedarf es der Gnade und Erleuchtung des Heiligen Geistes (GrMa 6).

Allein sind wir "elend und armselig" (NbReg 23,8). Darum betet Franziskus: "Verleihe uns Elenden..., immer zu wollen, was dir gefällt, damit wir... vom Feuer des Heiligen Geistes entflammt, den Fußspuren deine geliebten Sohnes... folgen können und allein durch deine Gnade zu dir, Allerhöchster, zu gelangen vermögen..." (BrOrd 50-52). Nach Franziskus` Auffassung vermag der Mensch aus sich nichts Gutes zu vollbringen; in seiner geschöpflichen Armut verdankt er alles dem Schöpfer. Wer sich selbst etwas Gutes zuschreibt oder "seinen Bruder um des Guten Willen beneidet, das der Herr in ihm redet und wirkt" (Erm 8,3), der begeht die Sünde wider den Heiligen Geist.

Es liegt in der Konsequenz dieses Menschenbildes und dieser an Luther erinnernden Gnadenlehre ("allein durch deine Gnade"), wenn Franziskus bezüglich der Eucharistie sagt: "Es ist der Geist des Herrn, welcher in seinen Gläubigen wohnt, der den heiligsten Leib und das Blut des Herrn empfängt. Alle anderen, die nichts von eben diesem Geist haben und ihn zu empfangen wagen, `essen und trinken sich das Gericht` ( 1 Kor 11,29)" (Erm 1,12-13). Die Begründung für diesen zunächst schwer verständlichen Satz lautet: "Gott ist Geist (Joh 4,24). Deshalb kann er auch nur im Geist geschaut werden, `denn der Geist ist es , der lebendig macht, das Fleisch nützt nichts` (Joh 6,64)". Die Apostel, die Jesus als Menschen gesehen haben, haben ihn auch „dem Geist und seiner Gottheit entsprechend geschaut und geglaubt, dass er der wahre Sohn Gottes ist". Ebenso müssen auch wir, die wir jetzt Brot und Wein sehen, "dem Geist und der Gottheit entsprechend schauen und glauben, dass es wahrhaft der heiligste Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus ist" (Erm 1,5-9). Göttlichem entspricht Göttliches. Da Gott Geist ist, entspricht ihm Geistiges. Er muss "mit geistigen Augen geschaut" werden (Erm 1,20), mit den Augen des "Geistes des Herrn, der in seinen Gläubigen wohnt" (Erm 1,12).

Wer ist Herr, dessen Geist in seinen Gläubigen wohnt? Man könnte vorschnell antworten: der Heilige Geist, Nun ist aber in Erm 1 mit "Herr (dominus)" jeweils der historische Jesus als Verkünder des Evangeliums (V.1.3.8.22) oder der eucharistische Christus gemeint (V.9.12.22) Darum ist "Geist des Herrn" in Vers 12 so zu ergänzen: "Geist des Herrn Jesus Christus". Franziskus schöpft hier aus Johannes und Paulus: In seiner Abschiedsrede spricht Jesus vom "Geist der Wahrheit, den ich vom Vater senden werde" (Joh 15,26, vgl. 16,7.13-14; 1 Joh 3,24). Noch deutlicher heißt es bei Paulus: "Ihr lebt nicht dem Fleisch, sondern dem Geist, wenn wirklich der Geist Gottes in euch wohnt. Wenn einer freilich den Geist Christi nicht hat, so gehört er ihm nicht an" (Röm 8,9). Im Geiste Christi leben ist Voraussetzung für das Wohnen des Geistes Gottes in uns. "Selig, wenn ihr um des Namens Christi willen geschmäht werdet. Dann ruht der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, auf euch" (1 Petr 4,14; vgl. BrGl I 1,6).

Wenn Franziskus vom Geist des Herrn spricht, steht ihm also meistens die Gesinnung Jesu vor Augen: seine Demut, sein Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters, seine Feindesliebe und sein Kreuz. Das sind auch die Kennzeichen des wahren Jüngers Christi, des Knechtes Gottes. Denn wie etliche Ermahnungen ausführen, erkennt man den Knecht Gottes, der den Geist des Herrn hat, daran, dass er sich vor Gott und den Menschen für gering achtet, allen untertan ist, die Feinde liebt, in Verfolgung und Krankheit Geduld übt und "um der Liebe unseres Herrn Jesus Christus willen innerlich und äußerlich den Frieden bewahrt" (Erm 15,2; vgl. Erm 2-9; 13-15; 19; 22-25).

7. "Durch die Liebe des Geistes einander freiwillig dienen"

Mit "Geist des Herrn" ist vorwiegend die Gesinnung Christi gemeint und seine fortdauernde Gegenwart bei denen, die ihm nachfolgen. Hat man dies erkannt, dann lassen sich auch Aussagen in der nichtbullierten Regel besser verstehen. Kapitel 5 handelt vom gegenseitigen Verhalten der Brüder. Nachdem mit Mt 20,25-26 gesagt ist, dass der Größere unter ihnen der Geringere und Knecht der anderen werden soll, heißt es weiter: "Und kein Bruder soll einem anderen Böses tun oder Böses sagen. Ja, vielmehr sollen sie durch die Liebe des Geistes einander freiwillig dienen und gehorchen". (NbReg 5,13-14). "Geist der Liebe" würde viel verständlicher klingen als "Liebe des Geistes". Darunter ist nicht etwa unsere Liebe zum Heiligen Geist zu verstehen, sondern die Liebe Gottes zu uns, sichtbar geworden in seinem Sohn, "ausgegossen in unsere Herzen durch den heiligen Geist" (Röm 5,5). "Liebe des Geistes" meint wohl: die Liebe, die Jesus uns erwiesen hat, dessen Geist überall dort wohnt und wirkt, wo Menschen sein Gebot erfüllen. In Anlehnung an Gal 5,13 beschreibt Franziskus den freiwilligen Dienst und Gehorsam, zu dem die Brüder kraft der Liebe des Geistes Jesu befähigt werden

Das Franziskus hier das Vorbild Christi vor Augen hat, bestätigt nachfolgender Satz: "Und das ist der wahre und heilige Gehorsam unseres Herrn Jesus Christus" (NbReg 5,15). Freilich ist der Schritt von der "Liebe des Geistes Jesu Christi" zum "Heiligen Geist" nicht weit (vgl. Röm. 5,5; 15,30). So können wir sagen: die Brüder sollen in der Liebe des Heiligen Geistes, der in Christus wohnte und wirkte und jetzt in seinen Jüngern wohnt und wirkt, einander dienen und gehorchen

Und wo immer die Brüder auch sind und an welchem Orte sie sich treffen, müssen sie sich geistlich und aufmerksam wiedersehen" (NbReg 7,15). Diese eigenartige Anweisung bedeutet nach dem bisher Gesagten, dass man sich nicht bloß "menschlich", sondern spirituell, im Geiste Christi begegnen soll. Wo Brüder sich auf ihren Wanderungen treffen, hat sie der Geist Gottes zusammengeführt. Von den Ministern wünscht Franziskus, dass sie "die Brüder oft aufsuchen und geistlich ermahnen und bestärken" (NbReg 4,2). - Auch die Armen Schwestern wollen "gemeinsam in der Einheit des Geistes und in dem Gelübde der höchsten Armut leben" (Klara-Regel, Prolog 1).

Die Maßstäbe des Verhaltens setzt also der Geist des Herrn. Er ist es, der Gemeinschaft stiftet und erhält. Tiefer kann niemand Menschen einen als Gottes Geist. Wohl aus dieser Erkenntnis heraus wollte Franziskus in die Regel setzen: Der eigentliche Generalminister des Ordens sei der Heilige Geist (2 Cel 193). 8. "Der Buchstabetötet, der Geist macht lebendig"

Das Leben aus dem Geist Christi lässt sich nicht in bestimmte Formen pressen. In dieser Erfahrung liegt die lebendige Unruhe mitgegründet, welche die ganze Ordensgeschichte durchzieht. Die Brüder sollen "geistlich (spiritualiter) und nicht fleischlich (carnaliter) wandeln" (NbReg 5,4.5; 16,5). Sie sollen die Gesinnung Jesu Christi haben, dem Geist des Herrn folgen statt eigensüchtigen Strebungen. Entsprechend hat Hugo von Digne in seiner Regelerklärung eine Lesart aufbewahrt, die ursprünglich sein dürfte. In Kapitel 6 der NbReg steht bei ihm zusätzlich das Wort "spiritualiter": "Die Brüder, die unser Leben nicht geistlich beobachten können, sollen das ihrem Minister darlegen" (Fragm II 8; vgl. NbReg 6,1). Während es später in gewissen Kreisen des Ordens darum ging, die Regel wörtlich, buchstäblich zu beobachten, klingt hier noch die ursprüngliche Auffassung durch, wonach das Evangelium und die daraus erwachsene Regel geistlich, d.h. im Geist unseres Herrn Jesus Christus zu befolgen ist. Nicht die Regel ist das Leben, sondern umgekehrt: Leben und Geist, die von Christus ausgehen, seine Worte, die Geist und Leben spenden, sind die Regel und prägen die Grunderfahrungen und Inspirationen der ersten Franziskaner.

Geist" ist ein Schlüsselwort, um die Franziskanische Lebensform zu erklären. Vom Geist des Herrn inspiriert, hat Franziskus das dem Geist offene und geisterfüllte Leben nach dem Evangelium gesucht. Wie bei Johannes besteht bei ihm ein enger Bezug zwischen wörtlichem und geistlichem Schriftsinn. Der wahre Sinn des biblischen Buchstabens geht vom Geist aus. Er ist es, der dem Buchstaben Leben gibt. Darum wendet sich Franziskus gegen eine geist-lose Auslegung der Heiligen Schrift. In Erm 7 greift er das Paulus-Wort auf: "Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig" (2 Kor 3,6). Er knüpft daran eine tiefe, treffende und allzeit gültige praktische Weisung: Es kommt nicht darauf an, nur die (Schrift-) Worte zu wissen, sie anderen groß zu erklären und dadurch als gescheit zu gelten, sondern darauf, "dem Geist des göttlichen Buchstabens zu folgen", Kenntnisse nicht dem eigenen Ich, sondern Gott zuzuschreiben und sie durch Tun zu bewahrheiten. Auch zur wissenschaftlichen Schriftauslegung gehört "der Geist des Gebetes und der Hingabe" (BrAnt). Schriftlesung soll nicht der Wissensvermehrung dienen, sondern zum Handeln und Beten anleiten. Es gefällt Gott mehr, wir tun, was in der Schrift steht, als wir lesen bloß darin, erklärt Franziskus, als er das erste Neue Testament im Orden verschenken lässt (2 Cel 91; vgl. 2 Cel. 67)

9. "Verlobte des Heiligen Geistes" wie Maria

In der Marien-Antiphon des Passionsoffiziums, die vor jeder Hore zu beten war, grüßt Franziskus die Gottesmutter: "Heilige Jungfrau Maria, unter den Frauen in der Welt ist keine dir ähnlich geboren, Tochter und Magd des erhabensten, höchsten Königs, des himmlischen Vaters, Mutter unseres heiligsten Herrn Jesus Christus, Braut des Heiligen Geistes". In dieser Anrede wird Maria nicht isoliert betrachtet, sondern in ihrem Bezug zu den drei göttlichen Personen. Was sie ist, ist sie aufgrund ihrer Erwählung durch Gott. Der Titel "sponsa Spiritus Sancti" (Braut, Verlobte des Heiligen Geistes) ist aus der Zeit vor Franziskus noch nicht nachgewiesen, dürfte also von ihm stammen.

Bedeutender aber ist, dass der Mystiker aus Assisi den Titel nicht Maria vorbehält, sondern ausdehnt auf die Klarissen und alle Gläubigen. In auffallender Parallele sagt er von den Schwestern, dass sie sich „zu Töchtern und Mägden des erhabensten, höchsten Königs, des himmlischen Vaters gemacht und sich dem Heiligen Geist verlobt haben" (LebKlara 1).

Ähnlich mündet die Beschreibung derer, die Buße tun, in die Seligpreisung: "O wie selig und gebenedeit sind jene Männer und Frauen, wenn sie dies tun und darin ausharren, denn auf ihnen wird der Geist des Herrn ruhen, und er wird sich bei ihnen eine Wohnung und Bleibe schaffen, und sie sind Kinder des himmlischen Vaters, dessen Werke sie tun, und sie sind Anverlobte, Brüder und Mütter unseres Herrn Jesus Christus. Anverlobte (Bräutigam bzw. Braut) sind wir, wenn die gläubige Seele durch den Heiligen Geist unserem Herrn Jesus Christus verbunden wird. Brüder sind wir ihm, wenn wir den Willen des Vaters tun, der im Himmel ist; Mütter sind wir, wenn wir ihn durch die göttliche Liebe und ein reines und lauteres Gewissen in unserem Herzen und Leibe tragen; wir gebären ihn durch ein heiliges Wirken, das anderen als Vorbild leuchten soll" (BrGl I 1,5-10 = BrGl II 48-53).

In diesem Herzstück franziskanischer Mystik, das sich in beiden Briefen in einem Jubellied und dem hohenpriesterlichen Gebet (Joh 17) fortsetzt, kommt das Charismatische in der Gotteserfahrung voll zum Durchbruch. Franziskus strömt über Glück beim Gedanken an die Einwohnung Gottes im Menschen. Nach seiner Auffassung wachsen jene, die Gott lieben und würdige Früchte der Buße bringen ( BrGl I 1,1-4), immer mehr hinein in das, was der Mensch von seiner Berufung her ist: Ebenbild Gottes (Gen 1,26), Wohnung des Vaters und des Sohnes (Joh 14,23), Tempel des Heiligen Geistes (1 Kor 6,19). Franziskus lebt in staunenswerter Weise aus dem Geheimnis der einwohnenden Dreifaltigkeit. Sie ist für ihn nicht nur unergründlicher Glaubenssatz, sondern etwas ganz Persönliches, das jeden einzelnen Christen mit Gott und alle untereinander zur Familie Gottes verbindet. Gleichzeitig mit dieser Würde des Christen betont Franziskus auch das Tun. Er sieht Gabe und Aufgabe. Durch Glaube und Taufe haben wir den Heiligen Geist empfangen und wurden in Christus eingegliedert (BrGl II 51). Seine Brüder sind wir, wenn wir wie er den Willen seines Vaters tun; seine Mütter, wenn wir wie Maria ihn in uns tragen und durch ein christliches Leben ihn neu zur Welt bringen (BrGl II 52-53). So wächst aus der Mystik die Mission, aus der Sammlung die Sendung.

Die gehorchende Offenheit gegenüber dem Geist des Herrn führte den heiligen Franziskus auf den Weg der Nachfolge Christi, zur Ähnlichkeit mit Christus und zur beglückenden Verbindung mit dem dreifaltigen Gott. Der Arme aus Assisi ist im besten Sinn des Wortes ein Charismatiker. An seinen Geistesgaben erhalten jene Anteil, die seine Mahnung beherzigen: "Immer wollen wir ihm Wohnung und Bleibe bereiten, der da ist der Herr, der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. (NbReg 22,27).

Fr. Leonhard Lehmann OFM Cap, Rom


 

Referenz

Dieser Artikel ist dem Lehrbrief 16 des Fernkurs Franziskanische Spiritualität, herausgegeben durch INFAG - Interfranziskanische Arbeitsgemeinschaft (Waldbreitbach 1983), entnommen.

Copyright erteilt am Sitz der INFAG in Würzburg BRD, den 21. Oktober 2002 durch die Vorsitzende Schwester Mathilde Haßenkam.

 



Konkretisierung / Übung

1. Persönliche Reflexion

Denken Sie über Ihre Lebensgeschichte nach.
Für welche Situation könnten sie sagen:
Der Herr hat mir gegeben, der Herr hat mich geführt,
der Herr hat...

2. Reflexion persönlich und in Gruppen

 


ˆ

Zurück zum Anfang