Name der Publikation
PROPOSITUM
Band 11 - Nr. 1 - Juni 2008

Periode
Juni

 


Anno
2008

Band
11

 


Number
1


Leitartikel

Die Beziehung zu Gott als Grundlage der Brüderlichkeit
P. Michael J. Higgins, TOR

“Und nachdem der Herr mir Brüder gegeben hatte” (Test 14)
Schwester Rossana Villablanca, OSF

Franziskanische Fraternität
Allen gegenüber offen
Schwester Daria Koottiyaniyil, FCC

Franziskanische Gemeinschaft
Eine Gemeinschaft in Vielfalt
Schwester Mary Elizabeth Imler, OSF

Die Brüderlichkeit – Eine Perspektive der säkularen Franziskaner/Franziskanerinnen
Joan Geiger, SFO

Franziskanische Geschwisterlichkeit - Eine Herausforderung
Andreas Müller, OFM








Den Herrn, den König des Himmels und der Erde sollen die Brüder und Schwestern mit allen seinen Geschöpfen loben und ihm
Dank sagen.
(TOR Regel, 10)





 

Leitartikel

     “Weil Gott uns liebt, sollten die Brüder und Schwestern einander lieben, denn der Herr sagt:’Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“ (TOR Regel 7, 23)

     Die aktuelle Ausgabe des ‚Propositum’ lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Franziskanische Gemeinschaft. Die Autoren schauen aus verschiedenen Blickwinkeln darauf, wie Franziskanische Gemeinschaft in der heutigen Welt gelebt werden kann, wo der globale Friede auf so vielfache Weise gestört ist. Franziskus’ Vision von Fraternität war eine Herausforderung für ihn, so wie sie es auch für unsere Zeit bleibt.

      Wir haben hier sechs Artikel, die sich mit verschiedenen Aspekten von Franziskanischer Gemeinschaft befassen. P. Michael J. Higgins, TOR, untersucht das Verständnis von °Franziskus von zwei der wichtigsten Bereiche der christlich-theologischen Diskussion durch die Jahrhunderte: Wer ist Gott? und Was ist die rechte Antwort des Menschen auf Gott hin? Sr. Rossana, OSF, besagt, dass Gemeinschaft/Fraternität ein Geschenk Gottes ist, wo die absolute göttliche Initiative herausragt in einem verfügbaren Herzen, einem offenen und bereiten Herzen. Sr. Daria Koottiyaniyil, FCC, bietet einen Artikel an, der sich mit der alles umfassenden Vision von Gemeinschaft/Fraternität von Franziskus befasst. Der Selige Franziskus sah die Güte Gottes nicht nur in seiner eigenen Seele reflektiert, sondern in der gesamten Schöpfung. Gemäß Sr. Mary Elizabeth Imler, OSF, ist das Franziskanische Leben Gemeinschaft, die nicht nur auf Struktur und Funktionieren basiert, sondern auf Beziehungen.  Joan Geiger, SFO, teilt ihre Erfahrung von Gemeinschaft auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene von einer säkularen Perspektive her. P. Andreas Müller, OFM, hebt in seinem Artikel „Franziskanische Gemeinschaftt: Eine Herausforderung“ die Notwendigkeit eines revolutionären Wendepunkts in Gesellschaft und Kirche hervor, so wie zur Zeit des Hl. Franziskus, um Franziskanische Gemeinschaft heute zu schaffen.

Allen, die beigetragen haben, meinen aufrichtigen Dank.

Sister Daria Koottiyaniel FCC



Die Beziehung zu Gott als Grundlage der Brüderlichkeit

Fr. Michael J. Higgins, TOR

Einführung

     Diese kurze Reflektion erforscht, wie der hl. Franziskus zwei der wichtigsten Gebiete christlich-theologischer Diskussion im Verlauf der Jahrhunderte verstand:

Wer ist Gott?
Wie lautet die richtige Antwort der Menschen auf Gott?

     Es ist wichtig, nicht zu vergessen, dass Franziskus kein Theologe war – er hinterließ weder eine systematische Abhandlung der damals dringlichen theologischen Fragen, noch entwickelte er ein theologisches Paradigma oder ein theologisches Untersuchungsmodell; er versuchte auch nicht anhand eines theologischen Systems Göttlichkeit zu erklären. All das erklärt nicht die göttliche Wirklichkeit, die in das Leben von Franziskus als einem persönlich betroffenen Teilnehmer mit dynamischer Macht und Klarheit einbrach.

     Für Franziskus war Gott der immanente Schöpfer, Heiland und Heiligender, Der von den Sünden reinigte, Der ihn (und alle Menschen liebte) und aktiv an seinem Leben teilnehmen wollte. Er schrieb und sprach immer aus einer tief empfundenen persönlichen und mystischen Beziehung zu einem Gott der Liebe heraus. Das können wir vor allem in seinem Lobpreis Gottes sehen, in dem Franziskus das familiäre Du, die zweite Form Singular des Verbs nimmt, das tu im der lateinischen Sprache: “Tu es sanctus Dominus Deus solus, qui facis mirabilia” - Du bist der heilige Herr, der alleinige Gott, der du Wunderwerke vollbringst” (LobGott 1). Der Unterschied geht in der englischen Übersetzung verloren, es ist aber bedeutsam, dass Franziskus wie ein Kind betet, das zu seiner Mutter oder seinem Vater spricht – so wie Jesus gebetet hätte. Es ist klar, dass ihn nicht  der Gott der Philosopen oder Theologen interessierte, sondern der Gott, Der sein Leben berührte – der Gott der Offenbarung und des Wortes, Der sich der Menschheit im Verlauf der ganzen Geschichte, vor allem in Jesus Christus, offenbart. Das war der Gott, Den Franziskus erfuhr – der Gott, Der ihn liebte und an seinem Leben interessiert war, der Gott, Der ihn zu einer persönlichen Beziehung einlud und ihn herausforderte, seine Brüder und Schwestern wirklich zu lieben.

Wer ist Gott?

     In den letzten Jahren wurde viel über darüber diskutiert, ob es angemessen ist, die Anrede “Vater” für Gott zu gebrauchen. Das kommt besonders in der Kritik der Feministinnen und der Bewegung zum Ausdruck, die ein umfassenderes Vokabular in der theologischen Diskussion und in der Spiritualität möchte. Man muss jedoch die geschichtlichen Gestalten so nehmen, wie sie sind und in ihrem ganzen Lebensumfeld belassen, in dem sie aufwuchsen und in der sich ihre Persönlichkeit bildete. Der hl. Franziskus war ein Mann des 13. Jahrhunderts, der aus einer kleinen, auf einem Hügel in einem Tal in Umbrien liegenden Stadt kam. In der damaligen Kultur wurde viel Wert auf die Familie gelegt, die “Einheit Familie” half mit, die Wahrnehmung des Kindes zu bilden, bestimmte die stellung in der Gesellschaft und sicherte die gegenseitige Unterstützung und Hilfe zu, die angesichts der harten Lebensumstände wichtig waren. Als sich Franziskus von seinem Vater lossagte und sich unter den Schutz der Kirche stellte, trennte er sich von der Quelle dessen, was man in seiner Gesellschaft als wichtig für sein Leben, seine Sicherheit und sein Glück ansah. Das Franziskus so oft über Beziehung und Identität schrieb, zeigt, dass er nie den Wunsch nach familiärer Verbundenheit verlor. Nachdem er seine weltliche Familie verließ, eine eindrucksvolle Szene, die in dem Gespräch mit dem Bischof von Assisi ihren Höhepunkt fand, schloss sich der hl. Franziskus Gott an. Der allzeit gütige, höchste Gott wurde sein Vater, Jesus sein Bruder und er sah die ganze Schöpfung als Teil seiner neuen “Großfamilie”.

     Franziskus entdeckte und erfuhr eine weitere Dimension der Güte Gottes, die am besten als Väterlichkeit verstanden werden kann. Er erfuhr Gott als Seinen Vater und den Vater seiner Anhänger und nicht als ein Wesen, das weit weg ist und sich nicht sorgt. Es war eine innige und tiefe persönliche Erfahrung, die ihm half, sein ganzes Leben neu auszurichten. In seinen Schriften bezieht sich der Heilige neunundachtzig mal auf Gott als Vater! Der Heilige erfuhr die Väterlichkeit von Gott zu Beginn seiner Bekehrung während der dramatischen Szene vor dem Bischof in Assisi- jedenfalls sagte er das. Gleichzeitig entäußerte sich Franziskus von allem, gab seine weltliche Habe seinem Vater zurück und sagte öffentlich: “jetzt kann ich ohne Vorbehalt “Unser Vater, Der Du bist im Himmel” sagen, da ich meinen ganzen Schatz und all meine Hoffnung in Ihn gelegt habe” (LM II:4). Er erzählte später während seiner spirituellen Reise seinen Anhängern das, was Jesus Seinen Jüngern gesagt hatte: “nennt keinen auf Erden Vater, ihr habt nur einen Vater, den im Himmel
(NbR XXII:34).

     Das Wort “Vater” betonte die besondere Intimität, die - wie Franziskus glaubte - Gott mit allen Menschen haben wollte. Wie er in den Frühen Ermahnungen an die Brüder und Schwestern der Buße - an jene, die Reue üben – sagte: diejenigen sind gesegnet, die aus Liebe zu Gott bereuen, ihren Nächsten lieben, die Eucharistie empfangen, die Sünde hassen und ein Leben führen, in dem die vollen Früchte der Buße geerntet werden.

…..denn auf ihnen wird der Geist des Herrn ruhen, und er wird sich bei ihnen eine Wohnung und Bleibe schaffen und sie sind Kinder des himmlischen Vaters,dessen Werke sie tun, und sie sind Anverlobte, Brüder und Mütter unseres Herrn Jesus Christus (1Gl, 5-7).

     Oft ergänzte Franziskus seinen persönlichen Ruf an Gott mit den Worten “Heiliger Vater” und “Allerheiligster Vater”.

     Kurz nachdem Franziskus die mündliche Erlaubnis erhalten hatte, dass er und seine frühen Anhänger in Buße leben und diese predigen durften, erzählte er seinen Anhängern, dass sie - wenn sie beten wollten – einfach nur das Vaterunser sprechen und Christus loben sollten. Später, als die Bruderschaft das römische Brevier für die Mönche übernommen hatte, schrieb der hl. Franziskus das Glaubensbekenntnis und eine gewisse Anzahl Vaterunser vor, die zu verschiedenen Zeiten von jenen Mönchen gebetet werden mußten, die nicht lesen konnten (vgl. NbR III:9-10). Er forderte auch alle Gläubigen auf, mit ihm zusammen dieses Gebet zu sprechen:

Lasst uns also Gott lieben und ihn anbeten mit reinem Herzen und reinem Sinn, weil er selbst dies über alles gesucht hat, indem er sagte: “Die wahren Gläubigen warden den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten”… Und wir wollen ihm bei Tag und Nacht Lieder und Gebete darbringen, indem wir sprechen: “Vater unser, der du bist im Himmel…denn wir müssen allezeit beten und dürfen nicht nachlassen (2Gl, 19-21).

Die wunderbare Liebe Gottes bewegte Franziskus zutiefst und er war voll überschäumender Liebe, als er so seiner Dankbarkeit Ausdruck verlieh:

O, wie ist es heilig, als Tröster einen schönen und wunderbaren Bräutigam zu haben! O, wie ist es heilig und wie lieb, einen solch wohlgefälligen, demütigen, Frieden stiftenden, süßen und liebevollen und über alles zu ersehnenden Bruder und Sohn zu haben, den Herrn Jesus Christus (2 Gl, 55-56).

     Die Erfahrung von Gott als Vater beeinflußte zutiefst die Art, wie sich der hl. Franziskus auf Gott bezog, sein Verständnis, ein Kind Gottes zu sein und seine Beziehungen zu seinen Brüdern und Schwestern und zur ganzen Schöpfung. Das kommt natürlich vor allem in seinem Sonnengesang zum Ausdruck.

     Franzikus war davon überzeugt, dass die göttliche Liebe Gottes am besten in der ehrfurchterweckenden Gabe der Menschwerdung ausgedrückt ist. Er weist oft auf die Liebe Gottes hin, die in der Erniedrigung oder Selbstentäußerung Christi bei der Menschwerdung sichtbar wird. Er sagt, dass dem Einen Gott Lob gebührt, Der alle.”spirituellen und fleischlichen Dinge geschaffen hat und uns als Ebenbild Gottes ins Paradies gesetzt hat (NbR XXIII:1). Als Männer und Frauen der Sünde anheim fielen,  bewirkte dieser liebende Gott “die Geburt Christi, Der wahrer Gott und wahrer Mensch war” (NbR XIII:3), um uns zu erlösen. Der Sohn “erniedrigte sich, wie er einst “vom königlichen Thron herab” in den Schoß der Jungfrau kam. (Erm. 1:16) und verwandelte sich in das heilige Brot und den Wein der Eucharistie. Diese stete Selbstentäußerung Christi beeindruckte Franziskus derartig, dass er oft an nichts anderes denken konnte. Die Tatsache, dass Christus von der Jungfrau Maria als schwacher Mensch aus Fleisch und Blut geboren wurde und dass sich dieser Vorgang jedesmal wiederholt, wenn die Eucharistie gefeiert wird, überraschte und beglückte den Heiligen aus Assisi.

     Weil Franziskus Jesus so völlig hingegeben war, beschrieb man die franziskanische Spiritualität oft als zutiefst christozentrisch, das heißt, sie begründet sich mehr auf der Person und dem Beispiel von Jesus Christus als auf anderem. Franziskus sah in Jesus das volle Ausmaß dessen, was Gott gewillt war zu tun, um die Hand nach allen Frauen und Männern auszustrecken und eine Beziehung mit ihnen aufzunehmen. Die Schlüsselmomente dieser göttlichen Aktion wurden für Franziskus in der Menschwerdung, der Passion und der Eucharistie hervorgehoben oder – wie es andere sagen würden - in der Krippe, dem Kreuz und dem Kelch. “Es gibt nichts, was die Erniedrigung und Armut besser zeigen würde, die das Göttliche Wort bei der Menschwerdung annahm, als die Hilflosigkeit des Kleinkinds, das Ausgeliefertsein bei der Kreuzigung und  die Stille der Eucharistie.”1

     Wiederum erfuhr Franziskus diese Elemente der rettenden Macht Gottes zuerst in einer sehr persönlichen Weise. Er sah Christus als ein Vorbild treuer Liebe, als Einen, der dem Willen Gottes gehorchte, ein Paradigma par excellence dafür, wie Armut und Gehorsam Ausdruck einer liebenden Beziehung zur Göttlichen Liebe ist. Gott hatte sein Leben so tief berührt, dass er sich danach sehnte, wie Christus zu leben und so ein würdiger Sohn eines “so edlen Vaters” zu werden. Die erste Darstellung der Weihnachtsgeschichte in Greccio, die intensive Liebe zur Eucharistie, die mystischen Ereignisse an einem einsamen Ort in La Verna und das Auftreten der Wundmale legen beredtes Zeugnis für die völlige Hingabe zu Christus ab, die Franziskus hatte. Gewöhnlichere Ereignisse im Leben des Heiligen erlauben aber einen noch tieferen Einblick in seine Spiritualität.

     Verschiedene Geschichten aus den frühen Biographien erklären, was Franziskus von anderen unterschied, die von einem berauschenden Sonnenuntergang inspiriert wurden, nämlich dass Franziskus auch Schönheit und Bedeutung in den ästhetisch weniger gefälligen Aspekten der Welt fand. Ein Wurm bedeutete Christus, denn in Psalm 22, verkündete David,Vorfahre Christi: “Ich bin ein Wurm, kein Mann”. Im Aussätzigen entdeckte Franziskus das Bild Christi im Gesang vom leidenden Diener in Jesaja. Als Franziskus zwei gekreuzte Stecken auf dem Boden sah, wurde er dadurch zur Meditation über Christus und sein Kreuz angeregt.2

Die Gabe, die Franziskus besaß und die in dieser Aussage so gut ausgedrückt wird, war, dass er anders sehen konnte - Ergebnis seiner Christus - Erfahrung und der Erfahrung der Gottesliebe. Wenn man eine aufmerksame Beziehung zu Gott, dem Mysterium all dessen, was es gibt, pflegt, erscheint die ganze Schöpfung, als wäre sie durchtränkt mit der Präsenz von Gott. Alles wird als Teilnehmer, als Bruder und Schwester, an der Geschwisterlichkeit der Schöpfung wahrgenommen.

Wie lautet die richtige menschliche Antwort auf Gott?

     Das Vorbild und die Herausforderung, die Franziskus seinen Anhängern hinterlassen hat, zeigen ganz klar, dass eine innige Beziehung zu Gott für eines volles menschliches Leben notwendig ist. Dies weist auf eine Einsicht hin, die so viele Mystiker und Heilige so oft ausgedrückt haben: Männer und Frauen finden ihre eigene Identität nur in einer ständigen Beziehung oder Freundschaft mit dem Schöpfer von allem. Diese Überzeugung brachte Franziskus dazu, in der Ermahnung XX zu bestätigen, dass ein Mensch das ist, was er vor Gott ist und nichts weiter. Deshalb drängt die Beziehung zum Göttlichen Männer und Frauen dazu, liebende und fürsorgliche Beziehungen zu Mitmenschen aufzunehmen. Liebe und die Beziehung zu Gott und eine Offenheit, mit anderen Menschen eine Beziehung einzugehen, sind zwei Elemente im brüderlichen Leben, über die nicht verhandelt werden kann und die die Grundlage für jede Art franziskanischer Brüderlichkeit bilden.

     Die grundlegende Voraussetzung ist, dass Gott Männer und Frauen für Beziehungen geschaffen hat: Beziehungen zueinander und zur Dreieinigkeit von Gottvater. Gott ist so der Göttliche Schöpfer und Männer und Frauen sind die Geschöpfe. Gerade in diesem Geschöpf - Sein sah Franziskus die Größe und Würde der Menschheit. Die Erfahrung von Franziskus führte zur Einsicht, dass Heiligkeit und Frömmigkeit aus einer bedingungslosen Annahme der menschlichen Unzulänglichkeit mit all ihren Facetten kommt. Die franziskanische Spiritualität bedeutet keine Abwendung von der Welt oder der eigenen Menschlichkeit, sondern vielmehr ein aktives Engagement und  Beteiligung in diesen Bereichen.

     Die Antwort von Franziskus auf die Frage nach der Antwort der Menschen auf Gott wird in den ersten Versen der Frühen Ermahnungen sehr gut zusammengefaßt. Es ist einfach ein Ruf an alle Menschen, “den Herrn von ganzem Herzen zu lieben (1Gl 1). Dieser Satz wiederholt die Lehre Christi in bezug auf die beiden wichtigsten Gebote (Mt. 12:20) und betont, dass die die christliche Spritualität im wesentlichen auf Beziehung und Liebe beruht – den wesentlichen Elemente der Brüderlichkeit.


ENDNOTES

1. Eric Doyle, “St. Francis of Assisi and the Christocentric Character of Franziscan Life and Doctrine” (der hl. Franziskus von Assisi und der auf Christus ausgerichtete Charakter seines Lebens und seiner Lehre”), bei Kenan Osborne Verlag, Franciscan Christology (franziskanische Ausrichtung auf Christus) St. Bonaventure, NY: The Franciscan Institute of St. Bonaventure University, 1980) 10.

2. Francis of Assisi (Franziskus von Assisi) (Wilmington, Delaware; Michael Glazier, 1989) 54 -55.


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Pater Michael J. Higgins, TOR, ist zur Zeit Generalminister der Ordensbrüder des Dritten Ordens und wohnt in St. Cosmas und Damian in Rom.  Seine vorherigen Aufgaben umfassen sechs Jahre als General-Spiritualassistent für die SFO und acht Jahre als Noviziatsdirektor für die ‚Sacred Heart’-Provinz (Provinz vom Heiligsten Herzen) in den Vereinigten Staaten.  Er hat ein Doktorat vom Antonianum und hat Franziskanische Spiritualiät an der St. Francis Universität in Loretto, Pennsylvanien, und der Franziskanischen Universität von Steubenville in Ohio gelehrt.








“Und nachdem der Herr mir Brüder gegeben hatte” (Test 14)

Schwester Rossana Villablanca, OSF

     Anders als andere Gestalten des Christentums war der hl. Franziskus von Assisi kein großer Schriftsteller. Sein ganzes Leben, das einem prophetischen Ruf zur Verankerung der Kirche im Leben des Evangeliums gleichkam, war seine Botschaft

      Das Testament ist eine der Schriften (das gewiß nicht von ihm, sondern von seinen Zeitgenossen geschrieben wurde), in der wir am besten seine spirituelle Tiefgründigkeit und seinen spirituellen Reichtum entdecken können. Im Testament finden wir zugleich die Überprüfung seines Lebens  und entdecken seinen Versuch, den Werten des Evangliums treu zu sein, indem er ein Lebensprojekt verfolgte, das in den Werten des Himmelsreichs, in denen wir zu leben aufgerufen sind, verwurzelt ist. “Und nachdem mir der Herr Brüder gegeben hatte, zeigte mir niemand, was ich tun sollte, sondern der Höchste selbst hat mir geoffenbart, dass ich nach der Form des heiligen Evangeliums leben sollte”(Test. 14). Ohne Zweifel bezeugt dieser Absatz den Anfang der Fraternität als einer Gottesgabe, bei der die absolut göttliche Initiative in einem aufgeschlossenen Herzen klar sichtbar ist. Jeder Bruder und jede Schwester sind eine Gabe Gottes und deshalb müssen wir sie pflegen und achten als das, was sie sind: ein Geschenk Gottes.

      Franziskus suchte in jeder Sekunde und Minute seines Lebens nach dem Willen Gottes, sein einziger Führer war Gott allein, wie er immer wieder sagte: “Keiner zeigte mir, was ich tun sollte, sondern der Höchste selbst….” So läßt er keine Zweifel aufkommen, dass die Fraternität ihren Anfang in Gott hat und Gott Selbst sie leitet. Deshalb ist jeder Bruder und jede Schwester heilig. Franziskus fühlte das so, dementsprechend lebte er und immer wiederholte er: “Ich suche nichts anderes als den Willen unseres Herrn Jesus Christus auszuführen: nämlich nach dem heiligen Evanglium zu leben”. Franziskus wollte keinen neuen religiösen Orden gründen, wie es in den großen Biographen des Heiligen heißt, sondern er wollte nichts anderes als Christus nachfolgen, so wie es im Evangelium offenbart wurde.

     Wenn wir über Test. 14 nachdenken, dann werden vielleicht einige keine große Originalität darin finden können, da große Heilige seiner Zeit nach dem Evangelium lebten, aber gewiß liegt seine Besonderheit in der Tatsache, dass er all dies in der Kirche machen wollte. Wir wissen wohl, wie der soziale historische Kontext aussah und in welchen sozialen Strukturen Franziskus lebte: all das stellte eine große Herausforderung dar. Wenn Franziskus sagt: “Der Herr gab mir Brüder”... weist er auf den Übergang von der persönlichen Erfahrung zur brüderlichen Erfahrung hin. Er suchte keine Anhänger oder Jünger, sondern ihm von Gott geschenkte Brüder.

     Diese Aussage stellt zweifelsohne ein Zeugnis für die Lebenform des hl. Franziskus und seiner Gefährten dar. Es ist der Anfang der Fraternität, die mit der Präsenz der Brüder das Licht der Welt erblickte. Nur der Herr kann den zu beschreitenden Weg, nämlich ein Leben nach dem heiligen Evangelium, weisen.

     Gewiß sind die Brüder eine Gabe Gottes, wie wir schon zu Beginn dieses Artikels sagten, weil Franziskus die Brüder nicht suchte, sondern diese ihm geschenkt wurden. Das ist die Tatsache, die die ganze Natur seiner Spiritualität in der Fraternität kennzeichnet und auch einen großen Unterschied zu dem Ordensleben anderer Mönche darstellt, denn es handelt sich in der Tat darum, nach einem Apostolat im Evangelium zu leben.

      Die ganze Lebenserfahrung von Franziskus finden wir hier: in der Fraternität, in der kostenlosen Gottesgabe; ein Leben nach dem Evangelium setzt voraus, ein Lebensprojekt gemäß dem Geist der Seligpreisungen umzusetzen, was er selbst voll und ganz tat.

     Dieses Lebensprojekt gemäß dem Geist der Seligpreisungen (Mt 5) schließt eine ganze Lebensregel mit ein. Franziskus wußte das Wesentliche in diesem Diskurs zu entdecken und fühlte sich so angesprochen, dass er nichts anderes wollte als ein Leben gemäß dem Evangeliumzu führen. In den Seligpreisungen fand er das Licht, das Wesentliche für jeden Gläubigen; er machte sich auf den Weg zu diesem Lebensprojekt und fühlte sich arm vor Gott. Darin erkannte er das Primat Gottes als dem Schöpfer an. Darin erkannte er sein Mindersein vor Gott, sein Gering-Sein, seine Demut und seine Wirklichkeit an.

     So wie Franziskus die barmherzige Liebe Gottes erfuhr, so barmherzig müssen wir mit den Brüdern und Schwestern umgehen. Seine diesbezüglich erlebte Erfahrung machte, dass er zum Friedensstifter wurde und jede Art Ungerechtigkeit, die ja das brüderliche Leben zerstört, anprangerte. Aus diesem Geist der Seligpreisungen entspringt die Dynamik, die die Brüderlichkeit belebt und aus ihr einen vollkommenen Ort macht, in dem alle Brüder menschlich und spirituell wachsen. Die comunio und der Austausch der Gaben des Heiligen Geistes und die kostemlose Gabe Gottes, nämlich die Brüder, stehen im Mittelpunkt der Brüderlichkeit und sind Quelle der zwischenpersönlichen Beziehungen. Mit diesem neuen Blick auf die Brüderlichkeit gründete Franziskus eine neue Form des evangelischen Lebens und gab der Welt  eine neue Vision. Das heißt, sein Blick und der Blick seiner Anhänger wurden menschlicher, sie erfuhren, dass Menschen und Dinge Geschöpfe Gottes sind, dass sie ein großes Geschenk sind und Freundschaft wie Brüderlichkeit verdienen.  Aus dieser Vision entspringt die wahre gemeinsame comunio (Gemeinschaft). Franziskus bewies, dass eine wahre Brüderlichkeit der Ort ist, von dem das neue Leben in Christus entspringt und seinen Anfang nimmt.

      Das persönliche Leben des Franziskus von Assisi fand in dem Leben einer Gruppe statt. So  gründete er die franziskanische Fraternität, indem er das Evangelium in den Mittelpunkt jeder Lebensart stellte. Wir sind berufen, in einer auf Christus ausgerichteten Spiritualität zu leben: Christus im Evangelium, Christus in der Eucharistie und Christus in all unseren Brüdern und Schwestern – auch heute bleibt das zweifellos für uns eine Herausforderung. Die Aufgeschlossenheit von Franziskus dem heiligen Geist gegenüber und seine Treue zum Evangelium als umsetzbares Lebensprojekt sind zweifellos eine der heute für uns großen Herausforderungen. Wir leben in einer globalisierten und individualistischen Welt; darauf weist auch Pater Giacomo Bini, OFM (ehemaliger Generaloberer) im Brief an den Orden im Jahr 2000 hin. “Die franziskanische Botschaft der universellen Brüderlichkeit ist eine Aufforderung zur Achtung, zur Versöhnung mit allem, was verschieden ist” auf der Suche nach comunio  und stellt sich mit all ihrer Kraft als Wort der Hoffnung und als evangelischer Wert genau in dem Moment dar, in dem man die zerstörerische Macht des Individualismus spürt”, denn wir leben in einer Welt, die sich schwindelerregend schnell fortbewegt und in der brüderliches Leben immer schwieriger wird. Die Botschaft richtet sich heute an uns und wird auch morgen an uns gerichtet sein, an uns, die wir in dem brüderlichen Leben einen lebendigen, auf die Werte des Himmelreichs ausgerichteten Ort suchen und haben wollen, in dem man nur das Zeichen eines neuen Lebens in Christus sein möchte, welches die Grundlage des Gebots: “Liebt euch so, wie ich euch geliebt habe”, ist: ein Leben in der Brüderlichkeit und Demut, das ist Mindersein und nur dann werden wir eine wahre franziskanische Fraternität sein.

     Heute gibt es in unserer Kirche viele verschiedene Bedürfnisse, aber eines der dringlichsten und wichtigsten Bedürfnisse, dessen wir uns als Anhänger von Franziskus bewußt werden müssen, ist es, der Welt eine wahre Antwort auf ihren Durst nach Spiritualität und Transzendenz zu geben. Aktualisieren wir also die Worte von Franziskus, überprüfen wir unsere Brüderlichkeit, hinterfragen wir uns doch, ob es Orte der Begegnung gibt, in denen wir Liebe geben und erhalten, in denen wir unsere brüderlichen Beziehungen auf das Gebot der Liebe konzentrieren und sagen können, dass unsere Fraternitäten ein Zeichen des neuen Lebens in Christus sind. Wir können uns auch andere Fragen stellen, z.B. wie diese: Sind unsere Fraternitäten wahre evangelische und apostolische Fraternitäten? Achten unsere Fraternitäten heute noch auf das Wort Gottes? Hören wir noch auf die Stimme von Franziskus und die des Heiligen Geistes, Der seine Anhänger beseelte? Haben unsere Fraternitäten immer noch für die Menschen und die Christengemeinschaften um uns herum eine Bedeutung?

     Auch heute richtet sich immer noch das Kreuz von San Damiano an uns, deshalb hinterfragen wir uns gemeinsam mit Franziskus: “Herr, was möchtest Du, das ich tue”? Laßt uns die Worte Christi also in diesem Sinne interpretieren: “Gehe hin und baue meine Kirche auf”.

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Schwester Rossana Villablanca Escobar, OSF, ist gegenwärtig Mitglied des Generalrats der Schulschwestern vom Hl. Franziskus mit der Zentrale in Rom.  Sie wurde in der Stadt Vina del Mar in Chile geboren.  Sie machte ihren Magister in Soziologie.  Schwester Rossana lehrte an Schulen in Chile und war auch involviert in der Weiterbildung.




Franziskanische Fraternität
Allen gegenüber offen

Schwester Daria Koottiyaniyil, FCC

Einleitung

     Heute leiden die Menschen  in der ganzen Welt sehr unter dem Mangel an Harmonie und Integrität. Wir müssen leider feststellen, dass wir unsere kreative Kraft eher zur Zerstörung als zum Aufbau einsetzen. In einer Welt, in der Technologie und materialistische Sozialisierung herrschen und in der die menschlichen Beziehungen durch unpersönliche Organisationen und Strukturen bedroht sind, ist es mehr als je zuvor ausschlaggebend, dass die Flammen der Liebe immer höher wachsen. “Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt” (Joh. 13:35). In diesem Rahmen hat die Brüderlichkeit, für die sich  Franziskus zu seiner Zeit, dem Mittelalter, entschied, auch heute ihre Wertigkeit; sie reicht  über alle nationalen Grenzen hinweg und muss unumschränkt beibehalten werden. Franziskus suchte eine neue Lebensart mit einer neuen Sensibilität seinen Mitmenschen gegenüber, die ihn dazu brachte, die Wunden des Aussätzigen zu küssen, sich mit den Bettlern zu identifizieren, sich mit Angehörigen anderer Religionen zu befreunden, die im Streit lebende zivile und religiöse Obrigkeit von Assisi miteinander zu versöhnen und alle Geschöpfe als “Brüder und Schwestern”, die aus derselben schöpferischen Liebe geboren wurden, anzunehmen.

      Diese offene franziskanische Brüderlichkeit stellt eine Herausforderung für die ehrgeizige, individualistische, unpersönliche und autoritäre Gesellschaft seiner Zeit dar. Franziskus öffnete gerade in diesem Rahmen der Armut  seine Augen gegenüber der Frage der Brüderlichkeit und merkte, dass er sowohl  den maiores als auch den minores  ein Bruder sein konnte, aber nur, wenn er die Sicherheit seines Hauses verließ und auf den “Marktplatz” ging. Immer, wenn Franziskus von dem tiefen Geheimnis der Brüderlichkeit und Einheit spricht, weist er auf unseren Bruder Christus hin, Der Sein Leben for Seine Schafe hingab und für uns zum Vater betete. Seine persönliche Beziehung zu Jesus  brachte ihn dazu, mit allen Geschöpfen solidarisch zu sein. Der gesegnete Franziskus wurde ganz durchdrungen von der Liebe Gottes und die Güte Gottes spiegelte sich nicht nur in seiner Seele, sondern in allen und jedem einzelnen Geschöpf wieder.

Die Fraternität, die allen Menschen offen steht

     In den Schriften von Franziskus wird das Wort “Bruder” (frater) häufiger gebraucht als jedes andere Wort. Das Wort “Brüder” finden wir immer wieder in den zwei Regeln und in dem Testament, oft zusammen mit Adjektiven, die  Zeichen für seine Zuneigung sind: meine Brüder, meine gesegneten Brüder, meine sehr geliebten Brüder. Er zeigte soviel Sorge und Zärtlichkeit, dass er wie “die liebevollste Mutter” liebte (2C 137). Papst Paul VI. sagte: “Seine Fähigkeit, in jedem Menschen einen Bruder zu erkennen, ohne nach seiner Herkunft, seinem Vaterland, seinen Lebensumständen oder seinen Verdiensten zu fragen, entspricht einer außerordentlichen und grundlegenden Charakteristik der Lehre des Evangeliums”1. Ein Gefühl der Gleichheit ist in seiner Brüderlichkeit zu spüren. Franziskus verwirft so weit wie möglich jede Art von Hierarchie, Klerikalismus und Autoritarismus in seiner Brüderlichkeit, damit das Gefühl von Einheit und Gleichheit unter den Brüdern bewahrt wird

      Sich selbst beschreibt er sogar in seinen Schriften als der “kleine Bruder Franziskus, Euer Diener” (Test 41). Im Brief an die Gläubigen stellt er sich selbst als “der Diener aller” vor, der “allen zu Dienste” sein möchte (2Gl 2). Die Mönche nennt Franziskus nie Diener, sondern immer Brüder. Unter Brüdern kann keiner geringer als die anderen sein, denn die Brüderlichkeit prägt ja die Identität der Gruppe.Franziskus selbst beschreibt sich als einen Diener Gottes und seiner Brüder. In seiner Bescheidenheit sah er alle gleich und betrachtete sich selbst als einen “unbedeutenden und hinfälligen Menschen” (Ord 3). Thomas von Celano stellt ein ideales Bild der frühen Fraternität vor:

Sie umarmten sich keusch, es herrschte viel Zuneigung, ein heiliger Kuss, süsseGespräche, bescheidenes Lachen, freudvolle Blicke, ein klares Auge, ein flexibler Geist, eine friedfertige Zunge, milde Antworten, ein einziger Zwe...So waren sie überall, wohin sie gingen, sicher, wurden nicht durch Ängste gestört, noch  von Sorgen abgelenkt und so erwarteten sie den nächsten Tag.…. Oft wurden sie verhöhnt, beleidet, nackt ausgezogen, geschlagen, gefesselt, ins Gefängnis geworfen, aber trotzdem verteidigten sie sich nicht, waren ohne jedwelchen Schutz und ertrugen all diese Missbräuche so tapfer, dass aus ihrem Munde nur Lob und Dank zu hören war. Sie hörten nie –oder fast nie - auf- Gott zu loben und zu ihm zu beten (1C 38-41).

     Franziskus erkannte in allen menschlichen Wesen, auch den niedrigsten und völlig ausgegrenzten Menschen, Gott, Seine unsagbare Gabe, Sein geliebtes Heiligenbild. Aus der Sicht von Franziskus ist jedes Geschöpf Gottes persönliches Werk. So hat jeder von uns die Pflicht, einander zu achten. In seiner ersten Regel sagt Franziskus: “Und mag zu ihnen kommen, wer da will, Freund oder Feind, Dieb oder Räuber, so soll er gütig aufgenommen werden (NbR VII,14). Weiterhin heißt es: “Und wo die Brüder auch sind und an welchem Ort sie sich auch treffen, da müssen sie sich geistlich und aufmerksam wiedersehen und einander ohne Murren ehren (NbR VII,15).

      Er besteht darauf, dass seine Brüder in ihrem Leben dem Herrn Jesus auf besondere Art nachfolgen. Sie sollen körperliche Arbeit verrichten, ein Leben in der Armut führen und  mit der Arbeiterklasse und den ärmsten Bereichen der Gesellschaft verschmelzen (vgl. NbR c.7; BR c.5). Er lehrt, dass es ein sehr mächtiges Mittel sei, um starke und ständige Beziehungen unter den Menschen zu schaffen. Durch harte Arbeit erhält der Mensch nicht nur die Früchte seines Tuns, nein, dadurch sollen auch Menschenwürde, Brüderlichkeit und Freiheit auf Erden zunehmen (vgl. GS 3:39).

     “Brüder in Christus”, das war der Name, den Franziskus den Aussätzigen gab. “Meine Buße ist es, mit meinen Brüdern in Christus zusammen vom gleichen Teller zu essen”(SlgP 22). Obwohl er sie eigentlich verabscheute, “suchte er die Aussätzigen auf und küßte sie – nachdem er ihnen etwas Geld gegeben hatte - auf Hände und Mund” (2C 9). Die Kontakte von Franziskus mit den in ihrem Elend doch menschlich aufgewerteten Armen und Aussätzigen gab diesen das Gefühl menschlicher Würde zurück. Franziskus schuf eine Fraternität der Brüder, die den Armen gegenüber aufgeschlossen war.

     Die friedfertige Einstellung von Franziskus gegenüber Menschen anderer Religionszugehörigkeit ist bewundernswert und weist auf eine Beziehung hin, die heute besonders wichtig ist - sie zeigt auch, dass er jedem ein “Bruder” sein wollte. Im dreizehnten Jahr seiner Bekehrung (1219) fuhr Franziskus nach Syrien, um zu den Muslimen zu predigen. Damals fanden täglich große und bittere Schlachten zwischen Christen und Muslimen statt. Franziskus versuchte, die Militärs und Kardinal Pelagius Gelvan, den Führer der Kreuzzugarmee, davon zu überzeugen, einen Waffenstillstand zu erklären und das Friedensangebot des Sultans anzunehmen. Die Machtpolitik, die die Christen vertraten, konnte das nicht dulden: sie wollten einen völligen Sieg über die Muslime. Die muslimische Armee griff daraufhin wieder die Kreuzfahrer an und tötete 6000 Menschen. Erst nach dieser Niederlage erlaubt der Kardinal Franziskus, auf eigene Gefahr den Sultan zu besuchen. Francis Beer schreibt darüber: “Es ist unmöglich, in Damietta eines der Lager zu verlassen, ohne den Tod  zu riskieren, weil jeder Sarazene, der einen abgeschlagenen Christenkopf vorweisen kann, einen Goldbezant erhält”2.  Bevor Franziskus den Sultan erreichte, wurde er von den Soldaten des Sultans gefangen genommen und geschlagen. Trotzdem fürchtete er sich nicht. Obwohl er von vielen schändlich behandelt wurde, empfing ihn der Sultan mit allen Ehren. Die Art, wie Franziskus auf den Sultan zuging, kommt einem Durchbruch gleich und ist ein prophetisches Zeichen für eine neue Beziehung (vgl. I C 57; LM 9:7).

     Schon aus den frühen Quellen können wir entnehmen, dass Franziskus eine gesunde Einstellung zur ganzen Welt hatte, einschließlich den Frauen. Aufgrund seiner radikalen Bekehrung und der damaligen Sitten hielt er Distanz zu Frauen ein, was ihn aber nicht davon abhielt, seine spirituelle Beziehung mit einigen Frauen - wie der hl. Klara und Jacoba de Settesoli - zu vertiefen (vgl. NbR c.23; BR c.11)

Die Brüderlichkeit, die allen Dingen gegenüber aufgeschlossen ist

      Im ersten Teil seines Sonnengesangs fordert der hl. Franziskus die ganze Schöpfung auf, den Schöpfer zu loben und nennt jedes Geschöpf Bruder oder Schwester. Der Sonnengesang definiert die brüderliche Einheit der Schöpfung. Am 29. November 1989 erklärte Papst Johannes Paul II. den hl. Franziskus zum Patron und Schutzheiligen der Umwelt, weil er in der Welt beispielhaft ist für eine echte und tiefe Achtung vor der Integrität der Schöpfung und wünschte, ein Minderbruder zu sein “der ganzen Schöpfung untertan, nicht nur den Menschen, sondern jedem Tier, auch jedem wilden Tier” (GrTug 16-17). In seinem Sonnengesang fordert Franziskus die ganze Schöpfung auf, sich einer kosmischen Liturgie des Lobs und des Danks an Gott anzuschließen, Der diese wunderbare Fülle an Schönheit und Pracht geschaffen hat. Franziskus sieht alle Geschöpfe nicht nur als etwas, was von der kreativen Macht Gottes geschaffen wurde, sondern auch als seine Brüder und Schwestern. Der Sonnengesang zeigt seine Brüderlichkeit allen geschöpften Dingen gegenüber. Sein erster Biograph Celano erklärt das so: “Er hatte die Gewohnheit, alle Geschöpfe mit dem Namen “Bruder” und “Schwester” anzureden und konnte auf wunderbare Art, die anderen unbekannt war, die Geheimnisse der Herzen von Geschöpfen erkennen wie jemand, der schon in die Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes eingegangen ist” (IC 81).

     Die Umweltkrise in unserer Zeit stellt einen ausserordentlichen Ruf nach Bekehrung dar. Wir müssen uns als Individuen, in den Einrichtungen und als Volk im Herzen bekehren und uns aus vollem Herzen Gott zuwenden. Heute sind die Erde und ihr Ökosystem von großen Katastrophen bedroht. Wann immer wir uns umschauen, wenn wir trinken, atmen und riechen, sehen wir die Umweltverschmutzung.

     Die Umwelt ist durch soziale, wirtschaftliche, kulturelle und moralische Katastrophen verschmutzt und vergiftet. Selbstsüchtige, unmenschliche Modernisierungsprozesse veranlasssen uns zu denken, dass wir menschlichen Wesen die absolute Macht innehaben, um die Natur zu kontrollieren, ihr unseren Willen aufzuzwingen, ja, sie sogar zu zerstören und zu vernichten, um die Launen und Grillen menchlicher Wesen zu befriedigen. In dieser Zeit der Umweltkrisen ist die brüderliche Vision von Franziskus, die der ganzen Schöpfung gegenüber offen ist, sehr ermutigend. Franziskus besaß ein ungewöhnliches Gefühl für die Solidarität mit den Dingen der Natur, einen Sinn des Verwandt-Seins, der es ihm erlaubte, sie zu gebrauchen, während er gleichzeitig weiterhin ihre Integrität achtete. Für ihn war der Kosmos ein kreativer Segen, den Gott den menschlichen Wesen anvertraute. Er sah sich selbst als ein Zentrum der Liebe in einer allumfassenden Solidarität und er drückte dies im Sonnengesang aus. Franziskus glaubte, dass “alle Dinge leben und eine eigene Persönlichkeit besitzen; sie  leben im selben Haus des Vaters wie die Menschheit”3. Leonardo Boff meinte Dazu: “Die mystische Gemeinschaft, die Franziskus mit der Natur fühlte, bestand nicht aus einer rein passiven Verehrung der Schönheit und des Lebens, sondern darin, dass er in allen Geschöpfen “Personen” begegnete” 4

     Das zeigt, dass Franziskus eine persönliche Beziehung zu allen geschöpften Dingen hatte, ein inniges, freundliches, wirklich starkes und nicht zu zerbrechendes Band. Wir können viele Beispiele in seinem Leben finden, in denen seine Barmherzigkeit und brüderliche Zuneigung gegenüber geschöpften Dingen zum Ausdruck kommen.

     “Er sammelte die Würmer auf der Straße auf, damit kein Reisender auf sie treten konnte; er versorgte die Bienen im Winter mit Honig und Wein, damit sie nicht durch Hunger und Kälte umkommen würden” (IC 80). Er gab seinen Mantel her, um zwei kleine Lämmer zu retten, die der Schäfer zum Schlachten bringen wollte” (IC 77). “An einem anderen Tag befahl er, einen kleinen zitternden Hasen freizulassen, den jemand ihm gegeben hatte” oder “er sorgte dafür, dass einige kleine, nach Luft schnappende Fische wieder in ihr Element zurückgebracht wurden” (LM 8:8).

     Ein anderes Beispiel ist der Wolf von Gubbio. Wie es in den Kleinen Blumen des hl. Franziskus berichtet wurde, erschien in Gubbio ein wilder Wolf, der die Menschen dort terrorisierte, was diese ihm erzählten. Franziskus hatte aber keine Angst vor dem Wolf, sondern nur Verständnis und Sympathie für ihn. Er mahnte den Wolf sanft und nannte ihn “Bruder Wolf”, ermahnte aber auch die Leute. Der Wolf war hungrig und fraß deshalb alles – einschließlich Menschen. Franziskus vereinbarte mit dem Wolf und den Leuten, dass sie den Wolf füttern sollten und dieser fraß danach keine Menschen mehr (vergl. klBl 21).

     Die gleiche barmherzige Liebe erwies er auch leblosen Dingen. Da er diese Liebe und Barmherzigkeit fühlte, schritt er mit voller Achtung über die Felsen (SlgP 5). Wenn die Brüder zum Holzholen in den Wald gingen, bat er sie, die Bäume nicht so zu schneiden, dass sie nicht wieder sprießen konnten. Er war traurig, wenn der Garten umgepflügt wurde, um Gemüse zu pflanzen und befahl, einen Teil brach liegen zu lassen, damit seine Schwestern, die Blumen, weiterhin frei wachsen konnten (SlgP 51). Er wollte noch nicht einmal das Feuer löschen, das seinen Habit verbrannte: als ein Bruder rannte, um ihn vor der ernsten Gefahr zu retten, sagte er: “Bruder, tue dem Bruder Feuer nichts an” (SlgP 49). Franziskus begegnete der Natur und Umwelt mit Aufgeschlossenheit, Liebe und Freundlichkeit.
Franziskus verurteilte nie jemanden für das, was er war. Als die Grillen ihn beim Beten störten, bat er sie, still zu sein; das taten sie auch und als er mit Beten fertig war, forderte er sie auf, das Lob Gottes anzustimmen, was sie auch taten. Vögel, Bienen, Fische, Wölfe, alle hörten auf Franziskus, weil sie ihmn vertrauten. Franziskus wußte, dass wir menschlichen Wesen, Tiere und die ganze Natur eines gemein haben, nämlich, dass wir alle Gottesgeschöpfe waren und Ihm unser Leben verdanken.

      Die Herausforderung, ein Franziskaner/eine Franziskanerin zu sein, ist wirklich die Herausforderung, in Brüderlichkeit allem gegenüber offen zu sein. In den Schriften und im Leben von Franziskus sehen wir immer, dass Franziskus wirklich wußte, was das Leben in Brüderlichkeit bedeutet. Er merkte, dass er berufen war, zu allem und jedem Beziehungen zu unterhalten. “Wir sind in Ihm Brüder (klBl. 9) und “ Der Herr schenkte mir Brüder (Test. 14). Franziskus verstand klar, dass die brüderliche Beziehung nicht aus unserer Tugend entsteht, sondern eine Gabe Gottes ist und nicht nur Brüderlichkeit unter den Mönchen bedeutet, weil Jesus als Mensch ein Bruder eines jeden Mönches ist; sie sind alle einander Brüder. Franziskus war ein offenes Buch, ein lebendiges Evangelium.

ENDNOTES

1. Papst Paul VI. im Osservatore Romano (Italien: Albano 103, 196, 26. – 27. August, 1963),1.
2. Francis De Beer, “St Frances and Islam” (der hl. Franziskus und der Islam), Concilium149 (1981), 14
3. Schwester Daria Koottiyaniel, Brother Fire, Sister Water: A Pilgrim Path to Solidarity ((Bruder Feuer, Schwester Wasser: ein Pilgerweg zur Solidarität) Kerala: Always Press, 2003, 68.
4. Leonardo Boff, Saint Francis: A model for human liberation (Der hl. Franziskus: Ein Modell für menschliche Befreiung (Britain: SCM Press, 1985), 34

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Schwester Daria Koottiyaniyil, FCC, ist Mitglied der Franziskanischen Klarissenkongregation in Indien.  Im Moment ist sie Direktorin von „Geist und Leben“ bei der Internationalen Franziskanischen Konferenz der TOR (IFC-TOR), Rom.  Sie machte ihren Magister in Spirituelle Theoligie and der St. Thomas Universität (Anglicum) in Rom und hat ein Doktorat in Franziskanischer und Indischer Spiritualität von der Universität Madras, Indien.  Sie hat verschiedene Artikel veröffentlicht und ist die Autorin von Brother Fire, Sister Water – A Pilgrim Path to Solidarity / Bruder Feuer, Schwester Wasser - Ein Pilgerweg zur Solidarität (Indien 2003) und St. Elizabeth of Hungry: A Franciscan Mystic and Model for Charity / Die Hl. Elisabeth von Ungarn: Eine Franziskanische Mystikerin und Vorbild der Liebe (Indien 2007).




Franziskanische Gemeinschaft
Eine Gemeinschaft in Vielfalt

Schwester Mary Elizabeth Imler, OSF

     Die IFC-TOR Erklärung von 2005-2009 ruft uns auf, „unsere Spiritualität, Sendung und fraternitas zu integrieren, um der Trinitarischen Gemeinschaft der Liebe tiefer Ausdruck zu verleihen“. Ich teile hier die Frucht meiner Reflexion, besser meiner „Kontemplation“ mit - wie wir in unserem Ziel III erklärt haben: „über die Einheit und Harmonie der Dreifaltigkeit, die uns aussendet, um Gemeinschaft (communio), Einbeziehung aller und Gemeinschaftlichkeit tiefer zu verwirklichen.“ Ich glaube, dass uns das herausfordert, die Frohe Botschaft heute wirklich zu bezeugen, indem wir die zentrale Beziehung, in der wir unser TOR Charisma, d.h. unsere Franziskanische Gemeinschaft leben, mehr ‚Fleisch’ werden lassen. Vielleicht ist es wichtig, diesen eng interpretierten Begriff, Fraternität, (neu) zu formulieren; jedoch ist es wesentlicher, den tieferen Sinn seiner Bedeutung als unsere Sendung zu beanspruchen.

     Franziskanisches Leben ist Gemeinschaft (communio), die nicht auf Struktur oder Funktion basiert, sondern auf Beziehung unter dem Begriff Gemeinschaft (Fraternität). Das ist die Frohe Botschaft, die wir mit unserem Leben zu predigen aufgerufen sind. Wir geben das prophetische Zeugnis einer liebenden Gemeinschaft in einer Welt zerbrechlichen Friedens, in der uns Jesus um den Tisch der Erde vereint. Eine rechte Beziehung in der Tradition des Evangeliums ist tiefer als die religiöse Sprache von Gemeinschaft und reicht weiter als Familienbande. Sie hält das Angebot eines Paradigmawandels, so notwendig in diesem neuen Jahrtausend, wo Entfremdung und Gier Leid verursachen, sowohl für den Menschen als auch für die Natur. Jesus hat ein Wort der Hoffnung gesprochen mit seiner Vision „dass alle eins sein mögen“. Im folgenden wird diese Möglichkeit untersucht durch Betrachtung der Entwicklung von Jesu Sprache im Johannesevangelium; dann der Spiritualität von Franziskus und schließlich Erwägung der Antwort einer Franziskanischen Weltansicht im Bereich eines globalen Bewusstseins, um den „Leib Christi“ voll Gestalt (‚Fleisch’) werden zu lassen.

Die Christliche Ära

     Wenn man der Sprache nachgeht, die Jesus im Johannesevangelium gebraucht, dann zeigt sie das menschliche Charakteristikum, dass die Beziehung zu seinen Anhängern sich mit der Zeit entwickelt. Zuerst werden sie bei ihrem Namen gerufen (Joh 1,42ff), dann „Jünger“ genannt (Joh 13,35). In den Abschiedsreden, auf die wir in ‚Regel und Leben’, Kapitel VII, verweisen und wo wir aufgerufen sind, „einander zu lieben“ (Joh 15,12), weitet Jesus die Beziehung aus in menschliche Vertrautheit, nennt sie „Freunde“ (Joh 15,14) und sogar mehr.

     “Beim Namen genannt zu werden“ bedeutet für jemanden, die/den andere/n zu kennen. Das beinhaltet die Bedeutung des Individuums als eines eigenen, einmaligen Wesens, das jedoch persönlich gekannt und umsorgt ist. Dieses beim-Namen-nennen heißt von Anfang an, in einer Beziehung zu stehen, die sowohl das Individuelle (Besondere) als auch die persönliche Interaktion (Für/-Sorge) würdigt.  

     Dann gebraucht Jesus den Begriff „Jünger“. Die Beziehung bewegt sich klar darauf zu, den Aspekt von Folgen/Nachfolgen einzubeziehen, d.h. wert zu sein, Instruktionen zu erhalten und fähig, die „Frohe Botschaft“ zu empfangen. Ein „Jünger“ ist jemand, der die Stärke hat, Disziplin zu halten; wie sorgfältig auserwählte Angestellte, mit dem Geheimrezept der Firma oder derartigem betraut, wenn auch mit dem Auftrag, es zu verbreiten, um das „Produkt“ bekannt zu machen. Füge noch die Kameradschaft hinzu, zu einer Gruppe zu gehören, die an eine gemeinsame Sendung glaubt und sich engagiert, etwas für das allgemeine Wohl zu tun.

      Wenn Jesus seine Anhänger „Freunde“ nennt, ist zu der Beziehung die Dimension von Füreinander-sorgen hinzugekommen, was über die Loyalität bloßer Pflichterfüllung hinausgeht. Das bedeutet in einem Konzern, nicht nur die Arbeit für die Botschaft zu akzeptieren, sondern auch für den Botschafter. Da ist echte Sorge für die/den andere/n, Sorge füreinander. Die Zugehörigkeit wächst in eine tiefere Beziehung, wo es eine Verlagerung gibt und die Sorge für jemanden ebenso wichtig wird wie die Sorge für etwas.

     Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte! Nach Seinem Tod und der Auferstehung wechselt die Sprache noch einmal mit der sich ändernden Beziehung. Jesus sagt zu Maria Magdalena, sie solle seine Freunde aufsuchen und nennt diese zum ersten Mal Geschwister. „Geh (aber) zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ (Joh 20, 17b). Jesus spricht in diesem ‚Nach-Auferstehungs-Augenblick’ von der absoluten Beziehung. Es bedeutet etwas anderes als was wir in unserer Kultur mit „Freunde“ meinen; es ist vielmehr das Sein, wozu der Heil bringende Akt uns alle in, mit und durch Jesus befreit: „Brüder/Schwestern“. Diese bedeutsame Identifizierung ruft nach dem Mehr des Evangeliums. Wir sind ‚abgeholt’ in unsere Einmaligkeit, ‚angeworben’ in eine Gruppe, die durch das gemeinsame Glaubenssystem, recht zu leben, zusammengehalten wird und sind restlos frei zu lieben, was von dieser Einheit kommt. Doch damit werden wir nun auch voll verantwortlich, denn wir tragen den Familiennamen. Es ist mehr als nur das Gemeinwohl kennen, die gemeinsame Sendung tragen, am gemeinsamen Leben teilnehmen; es ist Gemeinschaft (Kommunion).

     Betrachte zum Beispiel meine beiden Neffen. Jeder wird bei seinem Namen genannt; ihre Lehrer bitten sie zu folgen, die Information und Lernmaterial zu akzeptieren. Sie haben Freunde, die sie selbst ausgesucht haben, die ihre Gefühle und ihre Schwächen kennen, mit denen sie ihre Interessen teilen, mit denen sie spielen und einfach Freude haben an der Gesellschaft miteinander. Aber dass sie Brüder sind, fügt eine Dimension von Geschwister-Beziehung hinzu, in welcher Situation auch immer sie verantwortlich füreinander sind. Auch wenn sie sich zu Zeiten nicht mögen, sind sie immer noch Brüder und können diese Beziehung nicht abstreiten. Sie tragen Verantwortung für ihr gegenseitiges Wohlbefinden und ihre Sicherheit; sie sind genötigt, einander und den Familiennamen zu schützen. So ist das auch, wenn Jesus uns Bruder/Schwester nennt. Es ist Nähe zu ihm, aber auch eine Liebe, die alle andere Liebe übertrifft und uns verantwortlich füreinander und den gesamten Leib Christi macht. 

     ºWir haben diese Geschwister-Beziehung ererbt durch die Menschwerdung und Auferstehung Jesu, nicht als Geburtsrecht, sondern durch Adoption. „Wir haben den Geist empfangen, der uns zu Söhnen macht, in dem wir rufen: Abba, Vater!“ (vgl. Röm 8,15). Damit können wir Differenzen nicht länger einfach tolerieren. Die Frohe Botschaft ist, dass alle adoptiert wurden - und für einen sehr hohen Preis. Jeder zur menschlichen Rasse Gehörige kann in gleicher Weise ausrufen „Unser Vater“. Es gibt keinen privilegierten Rang, keine bevorzugte Rasse durch die Adoptionsregel in der christlichen Ära. Nur Jesus als der „Erstgeborene“ (Kol 1,14) hat das Privileg der Erbschaft und den rechtlichen Anspruch auf das Reich Gottes. Wir restlichen anderen nur adoptierten Geschwister, die keinen Rang haben, können nicht anders als dankbar sein für was immer wir empfangen, und doch sind wir voll und ganz Erben. Es ist „durch sein Blut, dass wir unsere Freiheit gewinnen, denn es ist durch Jesus, dass wir adoptiert werden“ (vgl. Eph 1, 5 und 7). Die Auferstehung Jesu bringt uns in die christliche Ära, wo wir alle adoptierte Brüder/Schwestern sind – gleichwertig.  „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr alle seid ‚einer’ in Christus Jesus“ (Gal 3, 28).Es ist dieser Christus, der jetzt bedingungslos zu jedem Menschen sagt: „Ich bin dein Bruder.“ Nur durch Jesus Christus sind wir deshalb in dieser Beziehung, füreinander Schwestern und Brüder, und werden Teil der Gemeinschaft in Jesus Christus, dem Bruder für alle. 

Zweites Millenium der Christlichen Ära

     Ich möchte sagen, dass Franziskus (und somit Franziskaner) sehr bewusst „Fraternität“ gebraucht, nicht um ein Geschlecht auszugrenzen, wenn er z.B. in „De Vita Fraterna“ (Kap. VII) nur „von den Brüdern“ spricht, sondern er spricht mehr von dieser absoluten Beziehung, die Jesus durch seine Erlösungstat schuf. So wie Jesus Peter als „Bruder“ anspricht und hätte Magdalena gleicherweise als „Schwester“ angesprochen, so nimmt Franziskus dies als Modell für seine Anhänger und nennt sie „Bruder Leo“ und „Schwester Klara“.  Die Fraternität umfasst männlich und weiblich gleicherweise, „viele Menschen, hochgeboren und niedrig, Kleriker und Laien… erneuert in beiden Geschlechtern“ (vgl. 1C37). Franziskus verweist auf seine Anhänger immer als Brüder und auf die gemeinsame Beziehung als Fraternität, sogar schon früher, wenn er seine Schwester, Klara, einbezog. Interessanterweise finden wir den Begriff Fraternität nicht in den Schriften von Klara.  Sie verweist auch auf ihre Kameradinnen als Schwestern obwohl sie nie von Schwesternschaft spricht; denn ich glaube, das würde das wahre Herz und Siegel der Beziehung eliminieren, unseren Bruder Jesus.

     Ich glaube, Franziskus hat diese starke Verbindung entdeckt (1LtF 9,13). Aufgrund des Leidens und der Auferstehung Christi sind wir zu Brüdern und Schwestern füreinander gemacht worden.So sehr, dass Franziskus das noch mehr ausweitet und behauptet, dass diese brüderliche Beziehung durch unseren Bruder Jesus alle Geschöpfe Gottes einbezieht, z. B. Schwester Wasser und Bruder Feuer. Franziskus’ Herz weitet sich, um nicht nur die Menschheit, sondern die gesamte Schöpfung zu umarmen.  Er fand, dass Jesus sogar für die Sonne und den Wurm die Fülle des Lebens gewonnen hat, mit Vorzugsrecht für die Letzten/die Schwachen.In seinem Sonnengesang ruft uns Franziskus auf, mit allen Geschöpfen in rechter Beziehung zu leben. Wir sind in eine enge, rechte Beziehung miteinander, mit allen Geschöpfen und der Umwelt gerufen. In, mit und durch Christus Jesus ruft uns Franziskus auf, eine neue Art von Solidarität zu schaffen als Schwester/Bruder. Diese erweiterte Fraternität/Gemeinschaft ist von selbst ein Art des Zeugnisses für die Dreifaltigkeit sowohl im Zeichen als auch im Dienst. 1

     Franziskus erobert den Kreis von Beziehungen zurück, den Jesus gewann, indem er die Mächtigen erniedrigt und die Niedrigen erhöht dadurch, dass er die minores und majores in einer einander respektierenden Gemeinschaftlichkeit umfasst und damit alle einbezieht in die Fraternität/Gemeinschaft.  Aber das war nicht sein eigenes Tun, denn es war der „Herr, der mir Brüder gab“ (Test 14). Franziskus ‚modellierte’ den Wert von Gemeinschaftlichkeit. Er reduzierte nicht alle auf einen gemeinsamen Nenner oder auf respektlose Uniformität, sondern alle wurden für ihre Besonderheit respektiert. Jede Person, jedes Geschöpf hat etwas Wertvolles beizutragen, wie groß oder klein auch immer.  Franziskus predigte zu den Vögeln, aber er lernte auch von ihnen die Verantwortung zu sorgen. Vom Erdwurm lernte er Demut, die Tauben lehrten ihn Schutzlosigkeit und die Bienen Gemeinschaft.

     Weil der Schöpfung eine immanente Güte einwohnt, muss uns das darüber hinausführen, nur einfach wiederzuverwerten (recycling); wir müssen auf ehrfürchtige und verantwortliche Weise leben. Wir würden nicht unbedacht Müll auf eine Schwester abladen oder die Lunge eines Bruders zerstören, wie wir es mit den Regenwäldern tun, noch würden wir uns beklagen angesichts der Schönheit eines einfachen Sandkorns in seiner wahren Integrität des Daseins! In der Schöpfungsgeschichte in Genesis bekommt ‚Herrschaft’ eine genauere Bedeutung durch eine Franziskanische Weltsicht im Rahmen von ‚Fraternität’.Franziskus kannte Herrschaft, aber er zog das sorgende Leben eines guten und treuen Meisters vor. Franziskus versuchte, seine poetische Vision von Schöpfung zu leben und verantwortlich zu sein für das, was Gott liebte. Franziskus lädt uns ein zu einer Spiritualität von Gemeinschaftlichkeit, wo jede/r ein einmaliges Spiegelbild Gottes in sich trägt und jede/r so ein geschätzter und wertvoller „Splitter vom alten Klotz!“ ist. Für Franziskus sind daher die menschlichen Spezies und die gesamte Schöpfung nicht eine einfache Hierarchie, sondern sie sind miteinander verbunden durch das Band der Liebe, wo es sakramentale Integrität gibt, einen gegenseitigen Austausch von Geben und Nehmen bis dahin, das einer sein Leben für den anderen hingibt.

Drittes Millenium Der Christlichen Ära

     Wir stehen an der Wende eines je anderen und neuen Millenniums, wo wir zu verstehen beginnen, was es heißt, in Beziehung in der Gemeinschaft zu leben unter Einbeziehung der Schöpfung. Hier glaube ich, dass uns die Beziehung der Gemeinschaft noch einmal und weitergehend herausfordert. Wir FranziskanerInnen wollen eine trinitarische Gemeinschaft der Liebe, schließen uns zusammen in fraternitas (Artikel 20) 2, die, ich glaube, anders und mehr als ein monastisches oder apostolisches Band von Kommunität sind. Wir sind begnadet mit dem Bewusstsein einer größeren Weltsicht, die die natürliche Welt und die vielfältige Menschlichkeit des Leibes Christi mit einbezieht, wie vorher schon gesagt. Aber wir müssen eine weitere Dimension sehen, die uns ruft, nicht nur räumliche, sondern auch zeitliche Grenzen zu übersteigen. Wir sind zur Versöhnung der gesamten Schöpfung berufen (Artikel 12) in einer gegenseitig Nutzen bringenden Beziehung, zuerst in unserer Zeit, aber auch in Verantwortung auf eine „siebte Generation“ 3 hin. Die Tiefe von Franziskus, dem so benannten Patron 4 der Ökologie 5, entfaltet sich für seine Anhänger in einer zeitbewussten Gemeinschaft (Kommunion) von adoptierten Schwestern und Brüdern, wo unsere Augen Verantwortung sehen für heute und die gemeinsame Zukunft unserer Kindeskinder. Die Gemeinschaft versammelt sich um den Tisch der Erde genauso wie um den Tisch der Eucharistie in einem offenkundigen Geist, der einlädt und alle/s einbezieht und Gemeinschaftlichkeit ehrt; wo es keine Seiten mehr zu verteidigen und Kriegsbeute zu verteilen gibt, sondern wo man nur Brüder und Schwestern kennt, sie versteht und in ihrer Unterschiedlichkeit liebt. In jedem Konflikt sind Teile der Gemeinschaft auf der einen oder anderen Seite. Differenzen werden nicht ausgeschlossen, sondern respektvoll ausgetragen auf politischer, ökonomischer und ökologischer Ebene und in gemeinsamer Suche mit Jesus nach Frieden (vgl. Luk 19, 41-44).

     Nehmen wir zum Beispiel die Sorge für unsere Ordensinstitute. Heute umfasst das unsere gemeinsamen Lebensspendenden TOR Föderationen und die Unterstützung der Internationalen Franziskanischen Konferenz. Und weiter, können wir den Wert sehen in der größeren Franziskanischen Familie (Artikel 3), der Menschheitsfamilie, einer weltweiten Familie? Wir bekommen eine mehr alle/s umfassende Einstellung und schätzen das Geschenk der Vielfalt, aber sind wir uns auch der weltweiten Verantwortung bewusst, eine ganzheitliche, gesunde, heilige Zukunft zu sichern? Daher schreiben wir von der Notwendigkeit, „Gemeinschaft (Kommunion) unter allen FranziskanerInnen, verschiedenen christlichen Konfessionen, Menschen allen Glaubens und der gesamten Schöpfung zu fördern“. (IFC-TOR Empfehlung G, 2005-2009).  Unsere Liebe mag beginnen bei denen, die uns am nächsten stehen, mit denen wir unser Leben, unsere Werte, unsere Weltsicht teilen, aber wir sind gerufen, auch die/den „andere/n“ zu umfangen, mit der/m wir nichts gemeinsam haben und vielleicht sogar um irdische Güter streiten oder die wir in Unkenntnis Feind nennen. 6  Doch das ist Frohe Botschaft, die das Reich Gottes jetzt voran bringt!

     Unser Leben kann nicht nur ein Leben sein, das um die (persönliche) Nachfolge Jesu kreist, sondern muss auch ein Leben sein, das Christus in der Welt lebendig macht. Als Anhänger von Franziskus und Klara sind wir alle berufen zu lieben, zu feiern und zu danken und eine Gemeinschaftlichkeit zu beanspruchen, wo „wir einander mit Vertrauen [unsere] Bedürfnisse wissen lassen [können], damit jede/r das finden und der/m anderen geben kann, was nötig ist.“ (Artikel 23). Auf Franziskus’ Ermahnung verweisend, „das Evangelium zu jeder Zeit zu predigen und nur wenn nötig Worte zu gebrauchen“ (ER XVII,3), müssen wir über das Sprechen von unserer Liebe füreinander hinausgehen und „[unsere] Liebe in Taten manifestieren.“ (Artikel 12). Es ist nicht genug, den Frieden zu lieben, sondern wir müssen bewusste Friedensbringer 7 sein um unseres Familiennamens willen (vgl. Luk 21,17). Wir sind berufen, uns ganz und gar daran zu beteiligen, Frieden und Versöhnung zu bringen (vgl. Kol 1,20). Benedikt XVI. sagt in seiner Enzyklika Spe Salvi, dass das Christentum seine Aufmerksamkeit nicht auf das Individuum und sein/ihr Heil beschränken kann; die verwandelnde Wirklichkeit des Christentums umschließt die weitere Gesellschaft. Und ich füge hinzu: den ganzen Kosmos.

Schluss

     Es gibt eine moderne Parabel von zwei adoptierten Geschwistern, die durch eine Reihe von Umständen schließlich ein Los gewinnen mit dem Hauptpreis für einen 15-minütigen Großeinkauf. Der Tag kommt, an dem sie den Preis einlösen können. Nach vielen Instruktionen vom Anziehen der richtigen Schuhe für bessere Beweglichkeit bis hin zum Studium der Lokalitäten mit den teuersten Artikeln nehmen die beiden einen Einkaufswagen und beginnen. Inmitten der schreienden Beobachter schlängeln sich die Geschwister einfach durch das Geschäft und sammeln nur einige Artikel ein. Der Gesamtpreis kommt, zum Verdruss der anfeuernden Menge, nur auf ein paar Pfennige. Als die beiden danach gefragt werden, warum sie scheinbar fehlten, für die höchste Summe zu gehen, antworteten sie: „Ihr versteht nicht; das Geschäft gehört unserem Vater!“

     Stellen wir uns, als Anhänger des Schutzpatrons der Ökologie, diese Haltung für die Bewohner unserer Schwester, Mutter Erde, vor. Wie könnten wir nicht lernen, in Beziehung zu leben mit allen als ‚Sakrament’? Bedenken wir die Gnade eines globalen Tisches, wo wir gerufen sind, Raum zu machen für alle, wie Jesus, (Inklusion) und in der Sicht von Franziskus, nicht nur Nehmende zu sein, sondern auch etwas zum Tisch mitzubringen (Gemeinschaftlichkeit). Fügen wir jetzt die neuere Dimension hinzu, die uns aufruft, voller Respekt für diese Zeit zu sein und mehr (versöhnte Gemeinschaft/communio). Wir müssen uns der gesamten Geschichte bewusst sein und es wagen, uns genauso um die Zukunft des Tisches zu kümmern wie um die Bedürfnisse der Versammelten. Wir müssen lernen, nicht ausgrenzend zu sein und nicht nur Konsumenten 8, sondern uns auch der Auswirkungen auf das gemeinsame ‚Lagerhaus’ bewusst zu werden für die Zukunft, die wir miteinander teilen. Wir spüren sicher, dass unsere Haltung der Aufnahme aller heißt, alle willkommen zu heißen, die den Namen Christen tragen, sowohl die Magdalena als auch den Judas unserer gelebten Erfahrung. Wir erweitern den Raum unserer Zelte, um alle Nachkommen Abrahams willkommen zu heißen: Juden, Muslime und Christen und wir lernen von ihnen, so wie Franziskus bekehrt wurde durch die Begegnung mit dem Sultan. Möge das Evangelium weiterhin unser Herz weit spannen, um die gesamte Schöpfung zu umfangen, damit wir bewusst die geheimnisvolle und lang ersehnte Erfüllung des Kosmos auf Ewigkeit hin wahrnehmen können.

     Wir wollen dieses Leben der Franziskanischen Gemeinschaft mit unserem ganzen Sein erstreben (Prolog, Artikel 29) durch die Liebe unseres älteren Bruders, Jesus. Mögen unsere Herzen weiter werden, tiefer, lichter, damit wir von innen her unsere Identität umfassen und diese im jetzigen Augenblick nach außen weiter geben können an unsere Freunde und Familien und darüber hinaus an unsere Arbeitsstätten und Kommunitäten, an unsere Nation und auf internationaler Ebene. Wir wollen dabei auf dem Fundament der Vergangenheit aufbauen und dem Engagement für eine gemeinsame Zukunft. Mögen wir uns nicht scheuen, die anderen, wie Jesus, „Bruder/[Schwester]“ (Hebr 2,11) zu nennen. Mögen wir umgewandelt werden durch die prophetischen Worte des Johannesevangeliums und die Poesie von Franziskus, um die Fruchtbarkeit unserer Franziskanischen Spiritualität für diese Zeit ‚Fleisch’ werden zu lassen, damit Jesu Leben, Tod und Auferstehung nicht umsonst sind. Und lasst uns kühn sein in unserem TOR-Leben und den zukünftigen Generationen Hoffnung schenken mit einer Vision, die basiert auf Gleichheit, respektvollem Miteinander und versöhnter Gemeinschaft/Kommunion. Das Reich Gottes - wahre Gemeinschaft; Schwestern und Brüder, die zur Harmonie der Liebe beitragen und sie schaffen - liegt in unserer Reichweite. Lassen wir Jesus kommen und uns umwandeln in die Frohe Botschaft, in wahre Schwestern/Brüder Jesu Christi.

 

ENDNOTES

1. Vita Consacrata 41-71.
2. Referenzen zu verschiedenen Artikeln sind aufgeführt mit Nummern und der TOR Regel und Leben 1997 entnommen.
3. Von dem Grossen Gesetz der Iroquois Konföderation: „Bei jeder Überlegung müssen wir die Auswirkung unserer Entscheidungen auf die nächsten sieben Generationen bedenken“.
4. Papst Johannes Paul II. erklärte 1979 den Hl. Franziskus zum Patron von Ökologie und lobte ihn als „ein Beispiel von echtem und tiefem Respekt für die Integrität der Schöpfung“.  Indem Franziskus Geschöpfe als Schwester/Bruder anspricht, sieht er in ihnen Gleichgestellte, nicht Untergebene, die zu beherrschen sind.  Er sah sich selbst als Teil des Ökosystems.
5. Ökologie ist das Studium der Regeln, die die Beziehungen im Schöpfungshaushalt bestimmen.  Ilia Delio diskutiert das in größerer Tiefe als hier möglich in ihrem Artikel „Leben im ökologischen Christus“ in Vita Evangelica: Essays zu Ehren von Margaret Carney, O.S.F. Franziskanische Studien 64, 2006.
6. Kapitel VII in TOR Regel und Leben drückt die Wirklichkeit des menschlichen Herzens aus, alle willkommen zu heißen.  In nur zwei kurzen Artikeln, die Leben ehren, sowohl wenn die Dinge verlaufen im Einklang mit der Vision unseres Schöpfers (Artikel 23) und auch, wenn durch unsere menschliche Bedingtheit, wir fehlen zu lieben und zu leben wie wir sollten (Artikel 24).
7.Pater Bryan Massingales “Healing a Divided World” (Eine geteilte Welt heilen) bietet einige konkrete Einsichten in unsere heutige Situation über den Rahmen dieses Artikels hinaus.  Es ist erhältlich durch CNS Documentary Service August 2007 Origins, Volumen 37, Nummer 11, Seiten 162-168.
8. Franziskus ermahnt uns in 2C87, nicht mehr zu haben als wir brauchen, sonst könnten wir uns schuldig machen, von den Armen zu stehlen.

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Schwester Elizabeth Imler, OSF, ist ehemalige Lehrerin der Naturwissenschaften und Exerzitienleiterin. Sie ist zur Zeit General-Kommunitätsleiterin der Franziskanischen Schwestern vom Heiligsten Herzen, Frankfort, Illinois, USA.  Sie war am Schreiben der Ziele der IFC 2004 in Assisi beteiligt.  Sie ist aktiv in der TOR Franziskanischen Föderation der USA (2000 – 2003 als Präsidentin) und findet immer noch Zeit, Exerzitien zu geben und Bildungsangebote zu machen, besonders für Novizen über unsere TOR Regeln und Leben. 






Die Brüderlichkeit – Eine Perspektive der säkularen Franziskaner/Franziskanerinnen

Joan Geiger, SFO

     “Der Säkulare Franziskanische Orden unterscheidet sich vonden anderen Laienverbänden in der Kirche dadurch, dass er vorrangig ein Leben im Evangelium anstrebt… Als Laienorden betont der Säkulare Franziskanische Orden das Leben in der Brüderlichkeit, die Suche nach der persönlichen Heiligung und den persönlichen und brüderlichen Apostolaten in einem Leben, in dem man für soziale Gerechtigkeit und Frieden unter alle Menschen eintritt”1

     Als Anhänger des hl. Franziskus sind säkulare Franziskaner/Franziskanerinnen zur Geschwisterlichkeit berufen, das heißt mit Franziskus eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern in Jesus zu sein. Es ist eine Geschwisterlichkeit, die:

- uns eine innige spirituelle Familie innerhalb der größeren Familie der Kirche gibt, in der wir in Heiligkeit wachsen können;
- uns die Gelegenheiten bietet, andere Menschen mit all ihren guten und schlechten Seiten zu lieben und diese uns;
- uns davon abhält, uns auf uns selbst zu konzentrieren;
- uns dort Stärke verleiht, wo wir schwach sind;
- einen Ort für die Ausübung von Apostolaten schafft.2


     In seiner Jugend neigte der hl. Franziskus dazu, sich in Begleitung seiner Freunde zu vergnügen. Er liebte Gesellschaft und war für seine sorgenfreie Art bekannt. Er machte öfter was mit anderen zusammen als alleine. Das Leben des hl. Franziskus änderte sich von Grund auf, als Jesus ihn berief, “Seine Kirche aufzubauen”. Er antwortete, indem er sich all seiner Besitztümer auf Erden entledigte und “die Dame Armut” annahm. Nicht lange nachdem er seine Familie und Freunde verlassen hatte, fühlten sich andere Menschen von ihm angezogen. Sie waren Zeugen seiner demütigen  und nicht materialistischen Art zu leben; sein Vorbild und seine innigen Gebete hatten sie überzeugt und sie wollten Jesus so nachfolgen, wie Franziskus es tat. Bald hatte dieser “menschliche Magnet” eine Schar von Gefährten – Bernhard von Quintavalle, Peter Catani, Leo, Giles, Elias und Ruffino, nur um einige Namen zu nennen – um sich gescharrt,. Das war der Anfang der franziskanischen Gemeinschaft und dem Leben in Brüderlichkeit.

     Der säkulare franziskanische Orden ist in Fraternitäten auf verschiedenen Ebenen – der lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Ebene eingeteilt. Jede Fraternität hat eine eigne juristische Persönlichkeit in der Kirche. Alle diese verschiedenen Fraternitäten sind gemäß der Normen der Regel und der Konstitution (Regel 20) koordiniert und vereint.

     Dabei bildet jede Fraternität eine Zelle in der Kirche und im Orden. Die St. Michael’s Fraternität in Queens County, New York, ist eine lokale Fraternität und eine von neunund dreißig Fraternitäten der Tau - Cross - Region. Obwohl es die St. Michael’s Fraternität schon seit über hundert Jahren gibt (sie wurde 1892 gegründet), kam sie erst vor gerade zehn Jahren (1997) zu der Tau - Cross - Region, als die Fraternitäten der Grafschaften Bronx, Brooklyn, Queens, Nassau und Suffolk (Long Island und drei Stadtbezirke in New York City) zusammengelegt wurden.

     Die Tau - Cross - Region ist die jüngste (nationale) Region in den Vereinigten Staaten. Insgesamt gibt es einunddreißig regionale Fraternitäten in den Vereinigten Staaten.

     Die St. Michael’s Fraternität trifft sich immer am vierten Sonntag in jedem Monat in der Kirche Our Lady of Perpetual Help am Ozone Park in New York. Sie zählt dreißig Mitglieder mit Profess, aber viele dieser Mitglieder sind ältere Menschen und können das Haus nicht verlassen. Zehn bis zwölf Mitglieder kommen regelmäßig zu diesen monatlichen Treffen. Es gibt auch vier Kandidaten und einen Mann, der sich für uns interessiert. Der Minister, der von den Mitgliedern mit Profess für eine Amtszeit von drei Jahren gewählt wird, leitet diese Treffen, die mit einem Gebet aus dem SFO - Ritual und einer Hymne beginnen und zu Ende gehen. Bei jedem Treffen wird aus der Bibel und aus Unterlagen der Weiter- und Fortbildung, die sich auf die jeweilige kirchlich-liturgische Jahreszeit beziehen, gelesen, danach folgen die Reflektion/der Austausch über die Lesungen und ein Vortrag von dem für die Spiritualität Verantwortlichen (einem franziskanischen Kapuzinermönch), Bittschriften/Intentionen und die neuesten Informationen bezüglich der kommenden Veranstaltungen der Säkularen Franziskaner. Das Treffen schließt mit einem geselligen Treffen mit Erfrischungen und  Konversation ab. Der Direktor der Ausbildung ist für die Kandidaten und ihre Studien der franziskanischen Spiritualität zuständig. Die St. Michael’s Fraternität überweist jeden Monat  eine Spende für das franziskanische Familienapostolat, mit der eine arme Familie in Indien unterstützt wird. Die Fraternität erhält regelmäßig von dieser Familie Auskunft darüber, wie ihr Beitrag verwendet wurde. Die Fraternität schickt ausserdem Geld an die örtliche arme Pfarrei, deren wichtigstes Apostolat es ist, die Speisekammer der Kirche aufzufüllen, und Babysachen und andere notwendige Dinge an die Stelle zu schicken, in der alleinerziehende Mütter aufgenommen werden. Ihre Mitglieder arbeiten aktiv in den Apostolaten ihrer Pfarrei mit. Ein Newsletter der Fraternität wird alle zwei Monate an alle Mitglieder verschickt.

     Der Rat von Tau - Cross - Regional (Minister, und Stellvertretender Minister, Sekretär, Schatzmeister, Ausbildungsdirektor, Rat und der Verantwortliche für die Spiritualität) treffen sich ebenfalls einmal im Monat mehrere Stunden lang an einem Samstagmorgen. Der Minister der Region leitet dieses Treffen, das mit  Gebeten aus dem SFO - Ritual beginnt und abschließt. Ein Ratsmitglied liest eine bestimmte Bibelstelle vor und die Anwesenden tauschen ihre diesbezüglichen Gedanken aus. Eine kurze Zeitspanne dient der Fort- und Weiterbildung und der Überprüfung und Meditation über die Konstitution/Regel/Statuten und ihre Bedeutung und Anwendung in der Region und den lokalen Fraternitäten. Das Protokoll der Sitzung vom letzten Monat wird überprüft und gebilligt und jedes Ratsmitglied stellt seinen Bericht vor, bei dem es oft um Aktionen und die seit dem letzten Monat erfolgten Fortschritte geht. Danach folgen neue Themen. Die Mitglieder des regionalen Exekutivrats tauschen sich zwischen den Treffen regelmäßig e-mails aus, um dringliche Fragen zu besprechen, die sofort bearbeitet oder auf die Tagesordnung des nachfolgenden Monats gesetzt werden müssen. Der regionale Exekutivrat plant unter anderem eine Zusammenkunft für die Mitglieder von allen Fraternitäten im Herbst, ein Kapitel im Frühjahr und die jährlichen Exerzitien. Die Tau - Cross - Region unterstützt ärmere regionale, nationale und internationale Fraternitäten, d. h. die reicheren Brüder teilen mit den ärmeren. Die Region spendete auch für die Katastrophenhilfefonds, wie z.B. für die Opfer von Hurrikane Kathrine und des Erdbebens in Peru. Ein Beispiel für die Zusammenarbeit der Fraternitäten ist das H2O Projekt. Zu jeder Fastenzeit werden die Mitglieder gebeten, kein Sodawasser zu trinken und das so Ersparte zu spenden, damit junge Leute und Familien in Not sauberes Wasser erhalten. Die Tau - Cross - Region hat sich auch mit anderen Fraternitätenin zu einem ewigen Novena- Gebet für Dafur zusammengetan – damit dort Gewalttätigkeit, Unterdrückung und Leiden ein Ende haben und Heilung, Vergebung, Mitleid und Entspannung an ihre Stelle treten. Jedes Jahr werden bei dem Herbsttreffen zwei Preise – einer für die Familie und einer für den Frieden - an die Mitglieder verliehen, die für ihren Dienst in der Kirche und Gemeinschaft benannt und ausgesucht wurden. Die Tau - Cross - Region veröffentlicht außerdem vierteljählich einen Newsletter. Die Minister des Regionalrats treffen sich jährlich mit dem Nationalrat, um über die Lage in ihren Regionen zu berichten.

      Im Juli dieses Jahres hielt die National Fraternity (NAFRA) in Pittsburgh, Pennsylvania, eine Veranstaltung, den 17. Fünfjahreskongress (der alle 5 Jahre stattfindet), ab – eine wunderbare Gelegenheit, andere Säkulare Franziskaner/Franziskanerinnen aus allen vier Ecken der Vereinigten Staaten zu treffen und sich miteinander auszutauschen. Wenn man das Taukreuz trägt, hat man nicht nur eine sofort erkennbare Identität, sondern fühlt sich sofort brüderlich mit anderen Pilgern verbunden. Über 500 Säkulare Franziskaner – Männer, Frauen und Jugendliche - fanden sich ein, um gemeinsam zu beten, zuzuhören, nachzudenken, sich mitzuteilen, der Geselligkeit zu pflegen und die kulturelle Vielfalt zu feiern. Es ermöglichte den Säkularen Franziskanern, voneinander zu lernen und das reiche Erbe der verschiedenen Kulturen zu beobachten, die vorgestellt wurden (sie waren das Thema des Kongresses). Ein Mitglied von NAFRA gehört ebenfalls dem Internationalen Rat an.
In diesem Artikel habe ich versucht, die Brüderlichkeit auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene aus einer säkular - franziskanischen Perspektive zu beschreiben. Das franziskanische Charisma der Fraternität gibt unserem Engagement Energie und unterstützt es. Zusammenfassend schließe ich mit Artikel 30 der SFO - Konstitution ab, die das Leben in der Fraternität wiedergibt.
 

Die Schwestern und Brüder sind mitverantwortlich für das Leben der Gemeinschaft, zu der sie gehören, und für den gesamten OFS als der Vereinigung aller Gemeinschaften. weltweit. Das Bewusstsein der Mitverantwortung erfordert die persönliche Teilnahme, das Zeugnis, das Gebet und die aktive Mitarbeit – je nach der Möglichkeit eines jeden Einzelnen - und gegebenenfalls die Übernahme von Aufgaben zur Animation der Gemeinschaft.



ENDNOTES

1. To live as Francis lived (ein Leben zu führen wie der hl. Franziskus). Foley. Leonard, OFM, Weigel, Jovian, OFM,  Normile, Patti, SFO, St. Anthony Messenger Press, 2000, S. 8.
2. Ebenda S. 177.

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Joan Geiger, SFO, ist Minister der St. Michael Fraternität und Rat der Cross Region.  Sie ist stellvertretende Rektorin in einer öffentlichen Schule in New York. 

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Franziskanische Geschwisterlichkeit -
eine Herausforderung

P. Andreas Müller, OFM

     Wir leben heute in einer Zeitenwende, deren Dimensionen noch gar nicht ganz erkannt und gedeutet sind. Wir kennen zwar das gigantische Gefälle zwischen Arm und Reich, mit all den Folgen von Hunger, Elend, vorzeitigem Tod auf der einen und unvorstellbarem Luxus auf der anderen Seite. Wir beklagen die ungleiche Verteilung der Güter und der Macht auf unserer Mutter Erde, die fundamentale Rechte der Menschen wie Teilhabe, Selbstbestimmung und Würde missachtet, und wundern uns dann, dass Terror und Kriege zu untauglichen Mitteln der Problemlösung werden. Wir erleben apokalyptische Zeichen der Umweltzerstörung, denken aber nicht daran, unseren Lebensstil zu ändern. Es fehlen politische Visionen, die eine Wende zum Besseren signalisieren. Wende hat etwas mit Bekehrung zu tun, und diese ist in Umwandlung eines Wortes von Michael Gorbatschow nur möglich, wenn man Spiritualität hat. Was wir also brauchen, sind prophetische Leitfiguren, die uns Auswege zeigen.

Eine revolutionäre Wende in Gesellschaft und Kirche


      Franz von Assisi war eine solche Leitfigur. In einer Zeit, in der die feudale Gesellschaft von Adel und gemeinem Volk, von oben und unten als gottgegebene Ordnung verstanden wurde, brachte er eine völlig neue Vorstellung ins Spiel. Wenn Gott herabsteigt und sich mit dem Geringsten gemein macht, darf es in der Menschheitsfamilie keine trennenden Unterschiede geben. Denn wir alle sind Söhne und Töchter Gottes, Brüder und Schwestern des Jesus von Nazareth, in dem Gott selbst unser Bruder geworden ist. Mit dieser Vorstellung von Geschwisterlichkeit brachte er eine geradezu revolutionäre Idee in die Ordnungsvorstellungen von Kirche und Gesellschaft seiner Zeit. Es gibt nicht Herren und Knechte und keine Standesunterschiede.

      Es ist der Dreiklang der Menschenrechte und Menschenpflichten: "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit bzw. Geschwisterlichkeit". Genau diese Geschwisterlichkeit hatte Franziskus im Sinn - und zweifellos gehört er zu den geistigen Vätern dieser Menschheitsvision aus christlichem Ursprung. Konsequent vermied Franziskus deshalb für sich und seine Gemeinschaft alles Hierarchische. Was in den religiösen Gemeinschaften damals gang und gäbe war - bei den Benediktinern z.B. gab es Äbte - sollte in der franziskanischen Bewegung nicht so sein. Franziskus selbst wollte der Diener aller sein, und das keineswegs nur auf dem Papier – nicht patriarchalisch, sondern brüderlich. "Kein Bruder soll eine Machtstellung oder ein Herrscheramt innehaben, vor allem nicht unter den Brüdern selbst" - heißt es in der nichtbullierten Regel (NbR. 5,9). "Keiner soll 'Prior' genannt werden, sondern alle sollen schlechthin 'mindere Brüder' heißen. Und einer wasche des anderen Füße." (NbR 6,3).

      Das ist wahrlich die Vision von herrschaftsfreier Kommunikation und wirklicher Geschwisterlichkeit und Gleichberechtigung. Er sagt auch, wie er das versteht: "Ja, vielmehr sollen alle durch die Liebe des Geistes einander freiwillig dienen und gehorchen". Das heißt konkret: hinhorchen auf die Bedürfnisse des anderen, auf das Leben der Gemeinschaft, auf den Anruf Gottes hier und jetzt. Es ist auch hier die Spur Jesu, der Franziskus mit Entschiedenheit folgt: nicht länger die Machtspiele unter Erwachsenen, nicht länger das Machtgerangel um die besten Plätze und Positionen, nicht länger die Angst, zu kurz zu kommen und hinten herunter zu fallen. Denn Gott ist da, und jeder Mensch ist sein Ebenbild und hat deshalb eine gottgegebene und durch andere nicht vertretbare Würde und Einmaligkeit. "Alle Brüder sollen bestrebt sein, der Demut und Armut unseres Herrn Jesus Christus nachzufolgen." (NbR 9,1)

      Natürlich braucht es im Zusammenleben einer Gemeinschaft auch Ordnungen und Absprachen, aber die sollen so kommunikativ und einfach wie möglich sein. Also keine Herrschaftsallüren, keine Besitzstände, keine Bevormundung - das ist die Vision des Franz von Assisi, die Vision von einer geschwisterlichen und mitgeschöpflichen Menschheit. Wie schwer das zu realisieren ist, musste Franziskus selbst erfahren: Noch zu Lebzeiten gingen die Machtkämpfe im eigenen Orden los, und immer mehr bildeten sich auch in dieser Gemeinschaft Leitungsformen und Verhaltensweisen aus, die sich kaum von den üblichen Machtstrukturen unterschieden. Und so bleibt seine Vision ein Hoffnungszeichen und eine Aufgabe gerade für unsere Zeit. Mit seinem Konzept der Jesusnachfolge, mit seiner Vision von der universalen Freundschaft zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Geschöpf und Geschöpf wollte er zeigen, dass es doch möglich ist, eine andere, gewaltfreie und friedvolle Welt zu schaffen.

      Ist die franziskanische Vision vom geschwisterlichen Leben auf dieser Erde deshalb so faszinierend, weil wir sie kaum für realistisch halten und doch so dringend ersehnen? Hellsichtig hatte der Gottesnarr aus Assisi gespürt, dass ein in Besitz verliebtes Leben Solidarität zerstört und Mitmenschlichkeit, Mitgeschöpflichkeit gefährdet. Deshalb wollte er möglichst besitzlos sein, deshalb wollte er alles geschwisterlich geteilt und verteilt sehen, deshalb seine Herrschaftskritik und sein Verdacht gegenüber den Machthabern in Staat und Kirche. In Zeiten sozialer Umverteilung und Kälte ist diese franziskanische Gottes- und Menschenvision aktueller denn je.

Franziskanisches Zeugnis heute

     Die säkularisierte Welt heute unterscheidet sich wesentlich von der Welt des heiligen Franziskus. Doch die Grundhaltungen, die er gelebt hat, sind gerade für unsere Zeit von außerordentlicher Bedeutung. Deshalb ist es so wichtig, dass diese auch von den Brüdern und Schwestern der franziskanischen Bewegung gelebt und erfahrbar gemacht werden, wie z. B. Freiheit und Freude; Vertrauen in jeden einzelnen; Geschwisterlichkeit zu allen Menschen und allen Geschöpfen; das Bewusstsein der alle Welt umfassenden Liebe Gottes; die Fähigkeit, das Antlitz Christi in den Armen zu erkennen; das Gefühl, für die weltumfassende Sendung verantwortlich zu sein. Einiges sei hier noch besonders verdeutlicht.

a) Der Ruf, einander Schwestern und Brüder zu sein

      Für Franziskanerinnen und Franziskaner gehört zur Nachfolge Jesu die Überzeugung, den Menschen heute wirklich wie Schwestern und Brüder zu begegnen. D.h. wir müssen uns mit der Wirklichkeit und den Lebensumständen vertraut machen, die den Glauben und das Selbstverständnis derer prägen, mit denen wir leben und denen wir dienen. Wir sollen uns einlassen auf ihre Ängste und ihre Bitterkeit, auf ihre erlittenen Demütigungen und ihre Marginalisierung, so wie damals Franziskus sich mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft von Assisi verbündete. Dann werden wir helfen, die Trennungen zwischen den Geschlechtern zu heilen. Und ganz wichtig: wie Franziskus und Klara das vorgelebt haben, können auch wir als Brüder und Schwestern in der weltweiten franziskanischen Familie Zeugnis geben von der Möglichkeit, dass Frauen und Männer das Leben kreativ miteinander zu teilen vermögen, und dass sie zusammen stärker sind, als wenn Frauen- und Männergemeinschaften ihre eigenen Wege gehen.

b) Geschwisterliche Gemeinschaft mit den Armen

      "Der Vater der Armen, der arme Franziskus, der sich allen Armen gleichförmig machte, konnte es nicht sehen, dass jemand noch ärmer war als er, nicht aus Verlangen nach eitlem Ruhm, sondern nur infolge herzlichen Mitleids" (1 C 76).

      Franziskus geht es nicht nur um Solidarität mit den Armen, er möchte für die Armen und mit den Armen leben, er möchte ihnen gleich werden und ihr Bruder sein. Sein sehnlichster Wunsch, in die Fußstapfen des armen Jesus zu treten, führt ihn ganz folgerichtig zu den Armen und Aussätzigen. Mit ihnen will er in geschwisterlicher Gemeinschaft zusammenleben. Er fordert sogar von jedem seiner Brüder, dass er seine Noviziatszeit bei den Aussätzigen verbringt. Für diese bedeutet das wirkliche Befreiung, die ihnen Würde und Selbstachtung zurückgibt. Die franziskanische Bewegung versteht sich also seit ihren Anfängen nicht als ein Fürsorgeverband für die Armen, der nur aktuellen Nöten abhilft. Es geht ihr um Befreiung der Armen, sie glaubt an die Armen und verbündet sich mit ihnen.

c) Franziskanische Solidarität mit den Armen

      Im Verlaufe der Geschichte haben sich deshalb Franziskaner nie gescheut, Projekte und Initiativen zu ergreifen, die den Armen wirklich geholfen haben. So wurden z.B. "Monti frumentarii", "Getreidebanken", gegründet, um für Hungerzeiten vorzusorgen. Es wurden Bruderschaften gegründet, die Arme unterstützten und Kranke besuchten. Ja den Franziskanern sind sogar die ersten „Volksbanken“ zu verdanken, die sog. "Monti di pietà", damit auch ärmere Volksschichten Geld leihen konnten und die in Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland sehr große Verbreitung fanden. Und natürlich sind es gerade die vielen Schwesterngemeinschaften des regulierten Dritten Ordens, die sehr sensibel waren für die Nöte der Zeit und wirkliche Pionierarbeit geleistet haben im Bereich von Schule, Krankenversorgung, Solidarität mit Frauen und Benachteiligten. Diese Formen müssen wir heute weiterentwickeln als prophetisch gelebte Alternativen zu Wirtschaftsformen, in denen nur Leistung und Profit als Maßstab gelten und Menschen beliebig austauschbar werden.

d) Franziskus und Klara und die Ethik des Mit-Leidens

      Franziskus und Klara haben in ihre jeweiligen Regeln nicht nur eine Ethik der Gerechtigkeit, sondern auch eine Ethik des Mit-Leidens aufgenommen. Die Fähigkeit beider, das Leben aus der „Perspektive einer Mutter" zu betrachten, brachte sie dazu, neben dem korrekten Miteinander und gleichen Rechten (Gerechtigkeit) auch die gegenseitige Verantwortung und Sorge füreinander (Mit-Leiden) zu betonen (vgl. NbR 4; BR 10). Deshalb legten sie großen Wert auf die Beziehungen der Brüder bzw. der Schwestern untereinander. Institutionen und Strukturen sind für sie zwar auch wichtig, doch wichtiger sind gegenseitige Achtung und Achtsamkeit (vgl. NbR 5; BR 10). Eine solche Geschwisterlichkeit, wie sie Franziskus verstand, ist nicht abhängig vom Wohlverhalten oder Versagen eines Bruders, einer Schwester (vgl. BR 11). Gelebte Geschwisterlichkeit war ihm wichtiger im Gemeinschaftsleben als bloß korrektes und regelkonformes Verhalten (vgl. Erm 3, Lm 4). Sie dient auch nicht in erster Linie dem „Wohlfühlen“ der Mitglieder in einer Gemeinschaft, sondern wird zum vitalen Zeugnis für die befreiende Kraft des Evangeliums in einer Welt, in der gute Beziehungen kaum mehr gelingen wollen.

      Wenn wir heute über die Bedeutung einer „Ethik des Mit-Leidens“ nachdenken, müssen wir diese ausweiten über die eigene Gemeinschaft hinaus - in den Kreis der Bettler, Aussätzigen, Ausgestoßenen und Randgruppen unserer Tage und in diese auch Frauen einbeziehen. Solidarität mit den Frauen und das „Unter-ihnen-Leben" (vgl. NbR 9,2; 16,3) wird heutzutage zu einer Kernfrage: Und wir werden darüber nachdenken müssen, was es für die Franziskanische Familie bedeutet, wenn Frauen - nicht aus freier Wahl, sondern aufgrund von Unterdrückungsstrukturen - in Kirche und Gesellschaft die Rolle der „Minores" spielen müssen? Als Brüder und Schwestern haben wir die Chance, durch die Ethik der Gerechtigkeit und des Mit-Leidens mit dieser Frage zu wachsen und gelungene Alternativen aufzuzeigen.

e) Lobgesang der Geschöpfe

      Wenn wir heute über Geschwisterlichkeit reden, müssen wir sie ausweiten auf die geschundene Schöpfung, unsere Schwestern und Brüder der geschaffenen Welt, die Franziskus in seinem „Lobgesang der Geschöpfe“ (Cantico delle creature) so liebevoll besungen und geehrt hat. Dieser Hymnus auf die Schönheit und befreiende Kraft einer gottgewollten Schöpfung ist das Bekenntnis „eines paradiesischen Menschen“; es befreit den Menschen zu sich selbst, lehrt ihn, seine Natur und Umwelt – also alle Menschen, Tiere, Gestirne, auch die Erde – als seine Mitgeschöpfe zu erkennen und zu lieben. Nur in einer solchen Haltung werden wir fähig werden, unseren Lebensstil so zu verändern, dass wir Gottes Schöpfung nicht ausbeuterisch benutzen, sondern sie liebevoll bewahren wollen.

     Die Welt braucht heute eine solche Schöpfungsspiritualität, wenn sie die drohende Klimakatastrophe noch abwenden will. Alle Experten sagen, dass wir das Schlimmste noch verhindern können. Das aber nur, wenn wir wirklich umdenken und unser Leben wieder mit den Regeln der Natur in Einklang bringen. Dazu reichen nicht neue Technologien, dazu brauchen wir ein neues Verhalten. Franziskus hat uns das vorgelebt. An uns Schwestern und Brüdern der Franziskanischen Familie liegt es, das der Welt heute zu zeigen und zu vermitteln.

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P. Andreas Müller OFM, Mitglied der Provinz Thuringia in Deutschland, Gründer der Missionszentrale der Franziskaner (MZF) in Bonn und von 1969 bis 2002 deren Direktor. Ab 1982 beauftragt mit der Koordination und der internationalen Promotion des CCFMC (Grundkurs zum franziskanischen Missionscharisma), seit 2002 - nach der Zeit in der MZF - ausschließlich damit beschäftigt im CCFMC – Zentrum in Würzburg. Seit 40 Jahren befasst mit Themen kontextueller Theologie, Mission, franziskanische Spiritualität und der Nord-Südproblematik.







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